Forschung + Innovation

_

Helmpflicht: Forscher warnen vor Nebenwirkungen

Es gibt kaum ein Thema, über das sich überzeugte Fahrradfahrer so erbittert streiten können wie über das Für und Wider von Fahrradhelmen. Eine neue Studie nähert sich dem Thema mit größerer Sachlichkeit: Fahrradhelme schützen zuverlässig vor Kopfverletzungen, doch eine Helmpflicht für Kinder birgt gefährliche Nebenwirkungen.

Das Tragen eines Helmes schützt Kinder vor lebensbedrohlichen Kopfverletzungen. Mit einer Einführung der Helmpflicht können jedoch auch negative Aspekte verbunden sein. Quelle: dpa
Das Tragen eines Helmes schützt Kinder vor lebensbedrohlichen Kopfverletzungen. Mit einer Einführung der Helmpflicht können jedoch auch negative Aspekte verbunden sein. Quelle: dpa

LONDON. Für die einen kommt jede Fahrt ohne Kopfschutz fast einem Selbstmordversuch gleich, die anderen sehen einen Helm quasi als Eingriff in die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. In Internet-Foren rund um das Fahrradfahren sind „Helmdiskussionen“ berüchtigt – sie enden schnell in Hasstiraden und persönlichen Beschimpfungen.

Anzeige

Zwei amerikanische Wirtschaftswissenschaftler haben sich des Themas jetzt mit größerer Sachlichkeit genähert: Christopher Carpenter (University of California, Irvine) und Mark Stehr (Drexel University) haben nüchtern und mit wissenschaftlicher Akribie untersucht, welche Folgen eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche hat.

21 amerikanische Bundesstaaten schreiben inzwischen vor, dass Fahrradfahrer bis zum Alter von 16 Jahren einen Helm tragen müssen. Um die Effekte zu messen, nutzen Carpenter und Stehr aus, dass nicht alle Bundesstaaten diese Vorschriften zum selben Zeitpunkt eingeführt haben. Die Forscher suchten nach systematischen Unterschieden in der jährlichen Unfallentwicklung von Bundesstaaten mit und ohne Helmpflicht. Sie konzentrierten sich dabei auf tödliche Fahrrad-Unfälle, an denen ein Auto beteiligt war.

Basis für ihre Studie waren Daten aus verschiedenen Quellen. Neben amtlichen Unfallstatistiken für die Jahre 1991 bis 2005 werteten sie jährliche Umfragen aus, in denen Eltern befragt wurden, wie oft ihre Kinder Fahrrad fahren und ob sie dabei einen Helm tragen.

Die Ergebnisse der Studie sind zweischneidig. Einerseits erreicht die Helmpflicht klar das Ziel, Fahrradfahrer zum Tragen von Helmen zu animieren und sie dadurch bei Unfällen vor schweren Kopfverletzungen zu schützen. Andererseits aber gibt es beträchtliche Nebenwirkungen: Sich nur noch mit Helm auf den Drahtesel setzen zu dürfen schreckt in einem nicht unerheblichen Ausmaß vom Fahrradfahren ab, stellen die Forscher fest.

Wenn ein Bundesstaat eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche einführt, steigt dort die Zahl der Kinder, die mit Kopfschutz radeln, um rund 30 Prozent. Zugleich sterben danach in diesen Regionen auch deutlich weniger Minderjährige bei Fahrradunfällen – im Schnitt lag der Rückgang bei stattlichen 19 Prozent.

Bei über 16-Jährigen, die keiner Helmpflicht unterliegen, gab es dagegen keine Veränderungen – ein wichtiges Indiz dafür, dass die Helmpflicht tatsächlich die Ursache für das Phänomen ist. Würde die Helmpflicht für unter 16-Jährige in allen amerikanischen Bundesstaaten gelten, wären 2005 nur 84 und nicht 103 Kinder und Jugendliche in den USA nach Fahrradunfällen gestorben, schätzen die Forscher.

Ein Grund dafür ist, dass Fahrradhelme die Zahl der schweren Kopfverletzungen bei Unfällen deutlich reduzieren: Medizinische Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit von schweren Schädel-Hirn-Traumata bei der Benutzung von Helmen um bis zu 85 Prozent sinkt. Doch diese Schutzwirkung ist nicht allein der Grund für den Rückgang der tödlichen Unfälle. Denn gleichzeitig führte die Helmpflicht nachweisbar dazu, dass Kinder und Jugendliche deutlich weniger Fahrrad fuhren – der Anteil derer, die einen Drahtesel benutzten, sank um vier bis fünf Prozent, stellten die Wissenschaftler fest.

Damit liefert die Studie erstmals einen wissenschaftlichen Beleg für eine These, mit der Fahrradfahrer-Interessensgruppen wie der ADFC seit Jahren gegen eine Helmpflicht argumentieren. Viele Menschen empfänden einen Helm als lästig und würden dann vom Fahrrad aufs Auto umsteigen.

„Dies ist weder umwelt- noch gesundheitspolitisch zu verantworten“, betont der ADFC auf seinen Internetseiten. Wissenschaftler, die sich mit den Folgen einer Helmpflicht beschäftigt haben, haben diesen Aspekt dagegen bislang ausgeblendet.

Aus Sicht von Carpenter und Stehr bürdet eine Helmpflicht Fahrradfahrern direkte und indirekte Kosten auf. Neben den Ausgaben für einen Helm, die sie auf 10 bis 40 Dollar beziffern, kämen „soziale Kosten“ hinzu – zahlreiche Umfragen sprächen dafür, dass Fahrradhelme bei Jugendlichen als „uncool“ gelten.

Anzeige

Daher würden einige von ihnen auf andere Freizeitaktivitäten ausweichen – zum Beispiel Skateboard – oder Inlineskaten. „Diesen Effekt sollten Regierungen, die über eine Helmpflicht nachdenken, im Hinterkopf behalten“, betonen die beiden Wissenschaftler. Es sei längst nicht sicher, dass der Nutzen einer Helmpflicht unter dem Strich größer sei als der Schaden, den sie anrichte.

Zurück
Weiter
  • 15.02.2010, 15:34 UhrSherlok

    Hm, hat niemandem zu denken gegeben das sich zwar die Tragequote um 30% erhöht hat (auf welchen Wert eigentlich) die zahl der tödlichen Unfälle aber nur um 19% abgenommen hat?
    interessant wären mal die direkten Zahlen. ich vermute mal das auch hier das persönliche Unfallrisiko der Radfahrer (mit Helmpflicht) deutlich gestiegen ist. Das wäre nun nichts neues, sondern wurde schon häufiger bei Untersuchungen gefunden. Meist wurde auch kein Unterschied in der Verteilung "mit Helm/ohne Helm" bei den tödlich verletzten Radfahrern festgestellt. im Regelfall entsprach die Quote der tödlich verletzten Helmträger ihrem Verkehrsanteil (manchmal waren die Helmträger allerdings deutlich überrepräsentiert).
    Was sich sehr deutlich zeigen lässt ist übrigens "safety in numbers", d.h. je mehr Radfahrer unterwegs ist, desto geringer ist das persönliche Unfallrisiko der einzelnen Radfahrer.

  • 11.02.2010, 14:04 UhrMarcus

    Ja nee, ist klar.
    ich würde meinen Kindern auch nicht vorschreiben, einen Helm zu tragen. ihre Freiheit ist mir viel wichtiger als ihre Sicherheit. Andererseits als die 8-jährige letztes Wochenende erst gegen Mitternacht nach Hause kam, habe ich schon über beschneidung seiner Freiheit nachgedacht.

    Vorsicht, es könnte ironie in diesem beitrag enthalten sein!

  • 09.02.2010, 14:21 UhrRüdiger Kalupner

    Die Helmpflicht für Radler ist doch ein Projekt der Autolobby, die die Heranwachsenden auf körperliche bequemlichkeit, auf bewegungsmangel und auf Lebens-Psychofrust-durch-bewegungsarmut trimmen wollen und sie mittels bahn-bus-ÖPNV-Nutzerfrust möglichst auf einen Outfit-Status-Lebensstil programmieren wollen, d.h. sie wollen mit einer Antiradler-Förderung (= Helmpflicht als beispiel) möglichst viele Autopower-Fans heranzüchten. Diese Anti-Radler-Lobby will junge Menschen auf ihre Ersatzbefriedigungsprodukte und Märkte programmieren.

    Wer als jugendlicher fahrradeuphorische Erfahrungen der Leichtigkeit-des-Lebens und der Freiheit gemacht hat, und das geht wohl besser ohne Helm, der ist für das ideal des autozentrierten, wachstumsförderlichen Konsumlebensstil verloren. Dieser Wachstumsverlust geht in die 100 Milliarden € p.a. in Deutschland - auf lange Sicht gerechnet.

    Die frühe, biographische Entscheidung für ein psychisch und physisch starkes iCH und individuum (= Selbstleistungs-bewußtsein), die durch die Leistungs- und Lusterfahrungen beim Radfahren maximal unterstützt wird, zu verhindern - darum geht es hier bei der Helmpflichtstrategie.

    Wer Aldous Huxleys 'brave New World' gelesen hat, der weiß, wozu die Mächtigen fähig sind und wie geschickt sie vorgehen, um junge Menschen frühzeitig - und damit die gesamte Gesellschaft später - für ihre Wirtschaftsinteressen zu programmieren. Die späteren Krankheitskosten durch Übergewicht+Diabetis usf. sind mitbedacht, d.h. sie gehören zum Ziel und bestandteil des Wachstumsprojekt.

    Kurz: Wer die Dinge durchdenkt, schaut in einen Abgrund. Dagegen ist das us-Wachstumsprojekt mit den Subprime-Hypotheken u n d der globalen Verschleierungfinanzierung der Jahre seit 1990 bis 2008 eher ein Peanut-Projekt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Selbstversuch für Hypochonder?: Das große Geschäft mit dem Gen-Orakel

Das große Geschäft mit dem Gen-Orakel

Angelina Jolie ließ ihre Brustkrebs-Gene vom Arzt testen. Doch ein paar Firmen bieten per Internet Gen-Orakel für Jedermann an. Beginn eines goldenen Gentech-Zeitalters oder die Hölle für Hypochonder? Ein Selbstversuch.

Bilder der Woche: Mit Bio-Waffen gegen lästige Konkurrenten

Mit Bio-Waffen gegen lästige Konkurrenten

Er gilt als Glücksbringer und ist in heimischen Gärten gern gesehen: Der rote Marienkäfer mit seinen sieben Punkten. Doch ein Konkurrent macht ihm schwer zu schaffen, denn der verfügt über wirkungsvolle Bio-Waffen.

Europäischer Erfinderpreis 2013: Die Bibliothek für die Jackentasche

Die Bibliothek für die Jackentasche

Dank E-Readern passt heute eine Bibliothek bequem in jede Jackentasche. Die Grundlagen für den E-Book-Boom legte Joseph Jacobson – auch wenn seine Vorstellung von elektronischem Papier ursprünglich ganz anders aussah.