Das Ende der Fahnenstange ist damit jedoch noch lange nicht erreicht. Manche Forscher, wie der US-amerikanische Geowissenschaftler Paul Torrens von der University of Maryland in Bethesda treiben den Realismus auf die Spitze. Seine virtuellen Passanten stattet er nicht nur mit allen denkbaren kognitiven Regeln aus, denen echte Fußgänger folgen könnten, sondern verleiht ihnen auch unterschiedliche Persönlichkeiten, so dass sich ihr Verhalten in Extremsituationen unterscheidet. Gleichzeitig entwickelt er Methoden, wie Computer aus aufgezeichneten Bewegungsprofilen der Menschen in einem Gebäude oder einer Stadt die entscheidenden Muster extrahieren können. So könnten Forscher eine zweite Methode gewinnen, mit der sich die Ergebnisse ihrer Simulationen validieren lassen.
Die Pläne eines Paul Torrens gehen dabei noch einmal über das hinaus, was Fußgängersimulationen üblicherweise leisten sollen: Er beabsichtigt, auch Interaktionen zwischen Menschengruppen abzubilden. Wenn gewaltbereite Demonstranten mit der Polizei zusammenstoßen, wird es schnell unübersichtlich – ein Umstand, dem seine Simulation von Ausschreitungen Abhilfe schaffen sollen.
Für solche Anwendungen ist eine genaue psychologische Modellierung gewiss unersetzlich. Ob sie dagegen auch für die Analyse eines Massenunglücks notwendig ist, bleibt fraglich: Hier wird erst die weitere Untersuchung simplerer Modelle zeigen, welche zusätzlichen Informationen überhaupt nützlich wären.
Vollends offen ist bei alldem auch, ob verbesserte Modelle in Zukunft Unglücke wie auf der Duisburger Loveparade verhindern werden: Bei gut geplanten Veranstaltungen dürfte schon mit jetzigen Methoden und Richtlinien ein geordneter Ablauf auch in Extremsituationen machbar sein. Ihre zerstörerische Kraft entfalten außer Kontrolle geratene Menschenmassen – das zeigt die Erfahrung – vor allem dort, wo niemand damit rechnet.