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Naturwissenschaft: Der weiße Hai der Physik

Erdähnliche Planeten, neue Naturkräfte, überlichtschnelle Teilchen - 2011 wurden die Fundamente der Naturwissenschaft gleich mehrmals kräftig erschüttert. Aber was ist aus all den angekündigten Umstürzen geworden?

Man bringt den weißen Hai nicht gleich am Anfang des Films. - Eine Regel, die auch Wissenschaftler beherzigen. Quelle: picture-alliance
Man bringt den weißen Hai nicht gleich am Anfang des Films. - Eine Regel, die auch Wissenschaftler beherzigen. Quelle: picture-alliance

HamburgKaum jemand brachte die Kunst der Spannungserzeugung schöner auf den Punkt als Dustin Hoffman in der Rolle des abgebrühten Filmproduzenten in der Satire Wag the Dog. „Sie müssen sie heiß machen, Schätzchen“, erklärt er darin seiner naiven Gesprächspartnerin (und dem Publikum). „Man bringt den weißen Hai nicht schon am Anfang des Films.“ Erst am Ende dürfe man das Monstrum zeigen, vorher müsse man die Zuschauer häppchenweise anfüttern. „Das ist der Deal, Schätzchen. Dafür bezahlen Sie Ihr Geld an der Kinokasse.“

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Es scheint, als ob die Physiker sich diese Lektion gut gemerkt hätten. Im vergangenen Jahr wurde das Publikum jedenfalls prächtig angefüttert, gleich mehrmals stellte die Wissenschaft nichts weniger als eine Revolution des herrschenden Weltbilds in Aussicht. Mal postulierten Physiker eine bisher unbekannte „fünfte“ Naturkraft, mal eine Widerlegung von Einsteins Relativitätstheorie, dann machte die „Zwillingserde“ im Weltall Schlagzeilen und schließlich noch das Higgs-Teilchen, der lange gesuchte, letzte Materiebaustein – im Rückblick scheinen 2011 die physikalischen Sensationen geradezu in Serie produziert worden zu sein.

Fermilab Spekulationen um neue Naturkraft

US-Forscher haben bei Experimenten im Teilchenbeschleuniger ungewöhnliche Messwerte erzeugt. Sie könnten ein Hinweis auf eine neue Naturkraft sein. Viel Lärm um nichts? Fest steht: Noch fehlt jeder Beweis.

Fermilab: Spekulationen um neue Naturkraft

Den Schlagzeilen zufolge waren die Forscher jeweils nah an einem Jahrhundertfund; sie sahen sozusagen schon die Spur der Rückenflosse des weißen Hais im Wasser. Oder war es doch nur ein Stück Treibholz? Zeit, einmal Bilanz zu ziehen und sich am Jahresende zu fragen, was aus all den angekündigten Umstürzen in der Naturwissenschaft wurde.

Unrühmliches Ende einer Naturkraft

Schon im April schien sich eine physikalische Revolution anzukündigen. Forscher des Fermilab nahe Chicago berichteten, sie hätten in ihrem Teilchenbeschleuniger Hinweise auf eine neue, bisher unbekannte Grundkraft der Natur gefunden. „Entweder ist unsere Vorstellung von dem, was da bei den Kollisionen passiert, falsch, oder wir haben etwas völlig Neues entdeckt“, tönte der Physiker Giovanni Punzi.

Dieses „völlig Neue“ könne entweder ein unbekanntes Elementarteilchen sein oder „eine neue Kraft jenseits der bislang bekannten“. In der Tat: Eine neue, fünfte Naturkraft neben den vier vertrauten – Gravitation, Elektromagnetik, starke und schwache Kernkraft –, das wäre eine nobelpreiswürdige Entdeckung. Die Physik schien in ihren Grundfesten zu wanken.

Physik

Doch bald wurde der revolutionäre Elan im Keim erstickt. Eine zweite, unabhängige Forschergruppe am Fermilab wiederholte das Experiment – und fand keinerlei Hinweis auf irgendeine neue Physik. Damit fiel der Aufstand in sich zusammen, ehe er noch richtig begonnen hatte. Wahrscheinlich habe es sich nur um statistische Fluktuationen von Untergrundprozessen gehandelt, gestanden die Forscher im Juni kleinlaut. Und weil dies allen Beteiligten – inklusive der vorher groß berichtenden Journalisten – enorm peinlich war, nahm vom unrühmlichen Ende der fünften Kraft auch kaum jemand Notiz.

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