Auch der Trittbrettfahrer profitiert also vom Einsatz seiner Mitspieler in den Gemeinschaftsfonds. "Das Gemeinwohlspiel kreiert so ein soziales Dilemma", erklärt der Ökonom. Denn am besten für die Gemeinschaft wäre es, wenn alle in das Kollektiv investierten, doch auf individueller Ebene fahren die Trittbrettfahrer am besten. Schließlich bekommen sie den Bonus auch ohne Investition.
Überraschenderweise gibt es in Bonn und London deutliche Unterschiede in der Bereitschaft, ins Gemeinwohl zu investieren. Gerade einmal 43 Prozent hatte der Londoner im Schnitt in das Gemeinschaftsprojekt eingezahlt. In Bonn dagegen waren es 82 Prozent. "Das liegt wahrscheinlich an unterschiedlichen Erwartungen darüber, was normales Verhalten ist", vermutet Kurschilgen. Wer davon ausgeht, dass auch die anderen sich egoistisch verhalten, neigt selbst auch kaum zu altruistischen Taten. "So gesehen haben die Londoner ein pessimistischeres Menschenbild als die Bonner", folgert er aus der Zurückhaltung der Briten. Ob sich jemand für ein kooperatives Verhalten entscheidet oder nicht, hängt folglich stark von seiner Annahme darüber ab, wie sich seine Mitspieler entscheiden.
In ihrer Versuchsreihe informierten Engel, Kube und Kurschilgen ihre neu rekrutierten Bonner Mitspieler über das Ergebnis der Londoner Studie. Wie sich zeigte, reagierten die Teilnehmer der neuen Runde deutlich negativ auf die Information, dass in London in den Experimenten zuvor nur wenige Teilnehmer kooperatives Verhalten gezeigt hatten. Anders als die braven Bonner der Vorrunden, zeigten auch sie wesentlich geringere Ambitionen zum Gutmenschentum: Statt über 80 Prozent für das Gemeinwohl zu geben, waren es in diesen Versuchen nur noch durchschnittlich 51 Prozent. Die Negativinformation reichte also, um das zuvor positive Bild der Bonner zu revidieren. Hingegen funktionierte dieses Muster andersherum kaum - Gute Beispiele machten aus schlechten Mitspielern keine Musterknaben.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Kern der "broken windows"-Theorie tatsächlich stimmt. Angesichts eines sozialen Dilemmas lassen sich Menschen sehr stark von ihrer ursprünglichen Erwartungshaltung gegenüber ihren Mitmenschen leiten, aber sie sind dabei auch besonders sensibel gegenüber negativen Impressionen", schließt Kurschilgen aus dieser Beobachtung. Mit diesem Fazit steht für ihn auch fest: Jeder Cent, der in den Substanzerhalt von Wohnvierteln fließt, ist keine reine Stadtkosmetik, sondern eine gute Investition gegen Kriminalität.