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Quantensprung: Fluchtreflex wird zum Verhängnis

Reflexe sind stereotypische, angeborene, extrem schnelle Verhaltensweisen. Sie werden sozusagen am Gehirn vorbei ausgelöst, um auf Gefahren schnell reagieren zu können. In manchen Leben-oder-Tod-Situationen bleibt für den freien Willen dabei einfach nicht genug Zeit – warum reflexhaftes Fluchtverhalten durchaus tödlich enden kann.

HB. Bei Fischen haben sich evolutionär besonders schnelle Fluchtmechanismen zum Schutz vor Fressfeinden entwickelt. Beim sogenannten C-Start krümmen sich Fische innerhalb nur weniger Millisekunden in die Form eines C und schnellen dann weg vom Jäger.

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Dieses Fluchtverhalten wird von einer einzigen Zelle im Hirnstamm ausgelöst und kontrolliert. Diese riesige, schon 1859 entdeckte und nach dem Österreicher Ludwig Mauthner benannte Nervenzelle entscheidet allein, ob der Input aus verschiedenen sensorischen Zellen auf der Gefahrenseite des Fisches ausreicht, um das Alles-oder-nichts-Signal, das elektrische Aktionspotenzial, auszulösen. Dabei wird den Muskelzellen von der Mauthner-Zelle (es gibt je eine für die linke und rechte Seite des Fisches) das Kommando gegeben, sich extrem schnell zusammenzuziehen. Übrigens hat die Mauthner-Zelle auch wegen ihrer Größe und damit ihrer experimentellen Manipulierbarkeit eine wichtige Rolle in der Entdeckung vieler allgemeiner neurobiologischer Phänomene gespielt. Über diese eine Zelle wurden ganze Bücher geschrieben.

Eine asiatische Wasserschlange (Epetron tentaculatum) nutzt nun gerade das reflexartige, aber damit vorhersehbare Fluchtverhalten von Fischen aus, um sie zu fangen. Kenneth Catania von der Vanderbilt University in den USA hat mit bis zu 2000 Fotos pro Sekunde das Jagdverhalten der Schlange gefilmt. Zur Fischjagd lauert die Schlange bewegungslos in einer charakteristischen J-Form gekrümmt, wobei der krumme Teil des J der Kopf ist. Sie hat zwei Tentakel am Kopf, die wahrscheinlich Bewegungen in trüben Gewässern erkennen. Das Gemeine ist nun, dass die Schlange das reflexartige Fluchtverhalten des Fisches antizipiert. Wenn sie die Nähe des Fisches spürt, bewegt sie ruckartig einen Teil ihres Körpers im ‚geraden' Teil des J, was dem Fisch Gefahr signalisieren soll. Diese Täuschung dient nur dazu, den Fisch in die entgegengesetzte Richtung zur Flucht zu veranlassen. Denn dort, im krummen Teil des J, wartet die Schlange nur darauf, dass ihr das Opfer fast von selbst ins Maul schwimmt (das Video ist unter www.pnas.org/content/suppl/2009/06/22/0905183106.DCSupplemental/SM2.mov zu sehen). Was also als Adaptation zur Flucht entstand, wird dem Fisch nun durch die Vorhersagbarkeit des Reflexes zum Verhängnis.

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