
BERLIN. Schwimmen könnte eigentlich, was die Ausrüstung angeht, der billigste Sport der Welt sein. Günstiger sogar als Laufen, denn man braucht ja noch nicht einmal Schuhe. Ein einziges knappes Kleidungsstück reicht – und noch nicht einmal das bräuchte man, gäbe es da nicht gewisse kulturelle Vorbehalte. Selbst Wettkampfschwimmerinnen und -schwimmer kamen bis vor nicht allzu langer Zeit mit einem Badeanzug oder einer Badehose aus.
Doch die Zeiten von Mark Spitz in knappen Stars-and-Stripes oder Kristin Otto in erschwinglichen Plaste und Elaste aus Schkopau sind vorbei. Zumindest so lange, bis sich der internationale Schwimmverband Fina doch noch zu einem Komplettverbot von Techno-Textilen im Pool durchringt. Erstmal hat er jedoch genau das Gegenteil getan und den erst im Mai ausgesprochenen Bann über zahlreiche Schwimmanzug-Varianten Ende Juni wieder aufgehoben. Wenn am Wochenende die Schwimm-Weltmeisterschaften in Rom beginnen, ist, was die Kleidung angeht, nahezu alles erlaubt, was Athleten im Wasser schneller macht.
Die Entscheidung der Fina ist eine Kapitulation vor der Technologie. Sie ist auch eine Kapitulation vor der eigenen Unfähigkeit, kurzfristig Methoden zu entwickeln, mit denen man überhaupt testen kann, ob ein Anzug die vermuteten unfairen Vorteile bietet. Der Ausstatter des italienischen Teams etwa, die Firma Arena, argumentierte für ihren im Mai zunächst verbotenen, X-Glide genannten, Anzug so: Um zu beweisen, dass der X-Glide tatsächlich Luft aufnimmt und dem Schwimmer damit mehr Auftrieb verschafft, müsste man eine Methode entwickeln, mit der am Schwimmer im Schwimmbecken entsprechende Messungen möglich sind.
Vielleicht hat Arena ja eine solche Methode, der Verband jedenfalls hat sie nicht. Aus derartigem Mangel an Beweisen dürfen nun fast alle umstrittenen Anzüge in der italienischen Hauptstadt ins Wasser. Und die wenigen nach wie vor nicht zugelassenen Designs erzeugen schon jetzt eine juristische Bugwelle. Die US-Firma TYR etwa hat am für den Weltschwimmverband zuständigen Gerichtsort Straßburg bereits Beschwerde eingelegt. Drei ihrer Anzüge hat die Fina abgelehnt, TYR argumentiert aber, dass diese höchstens die gleichen Vorteile im Becken bringen wie andere, zugelassene Schwimmtextilien – oder sogar geringere.
Mit fröhlichem Planschen in Rom ist also kaum zu rechnen, eher mit deutlich getrübten Wassern. Doch man hätte es kommen sehen können: Das aktuelle Rennen um den besten Einteiler für das Wettkampfwasser begann in der Vorbereitungszeit zu Olympia 2008 in Beijing. Der Swimwear-Hersteller Speedo, bis vor nicht allzu langer Zeit eher ein Synonym für enge Badehosen, stattete die von ihm gesponserten Athleten mit dem LZR Racer aus, und plötzlich begannen Weltrekorde zu purzeln.