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Spektakulärer Fund: Der Urzeit-Räuber aus dem Magazin

Er hat einen Riesen-Schädel und spitze Zähne im langgestreckten Maul. Im Urzeitmeer war der jetzt in Stuttgart präsentierte Fischsaurier ein gefürchteter Räuber. Für seine Entdecker ist er wie ein „Sechser im Lotto“.

Die neue Fischsaurierart schließt eine weltweite Fundlücke. Quelle: dpa
Die neue Fischsaurierart schließt eine weltweite Fundlücke. Quelle: dpa

StuttgartEin spektakulärer Fund im Magazin des Stuttgarter Naturkundemuseums wirft neues Licht auf die Entwicklung der Fischsaurier. Eine rund 7,5 Meter lange Meeresechse, die vor über 170 Millionen Jahren lebte, stellte sich als wichtiges Bindeglied in der Evolutionskette heraus. „Mit dem weltweit ersten Skelett aus dem Braunen Jura wird eine Lücke in der Geschichte der Fischsaurier geschlossen“, erläuterte der Saurierexperte des Museums, Rainer Schoch, am Dienstag in Stuttgart.

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Bislang galt die Zeitspanne vor 175 und 170 Millionen Jahren als frei von Fischsaurierfunden. Das außergewöhnliche Exemplar aus genau dieser Zeit ist ein Verwandter des Schwäbischen Seedrachens aus den älteren Schichten des Schwarzen Juras und begründet ein neue Gattung.

Fischsaurier

  • Welche Ursprünge haben Fischsaurier?

    Vor 250 Millionen Jahren gingen Echsen ins Wasser und entwickelten sich zu Fischsauriern. Viel später eroberten auch hundeartige Wesen den Lebensraum Wasser und wurden zu Walen. Diese wären gar nicht entstanden, wenn nicht zuvor - etwa vor 100 Millionen Jahren - die als „moderne Fischsaurier“ geltenden Meeresechsen ausgestorben wären. Denn die Fischsaurier hatten die biologischen Nischen besetzt, die später die Wale nutzten.

  • Wie sahen Fischsaurier aus?

    Die Tiere ähnelten den heutigen Delfinen, hatten glatte Haut, eine Rücken- und eine Schwanzflosse. Letztere war allerdings wie beim Hai senkrecht gestellt. In Kanada gefundene Exemplare wurden mehr als 20 Meter lang. Die Ichthyosaurier lebten im Salzwasser möglicherweise wie Delfine in Schulen zusammen. Vor wenigen Jahren fanden Forscher durch Untersuchungen von Zähnen und Zahnschmelz heraus, dass Fischsaurier warmblütig waren, also im Unterschied zu den heutigen kaltblütigen Reptilien eine Körpertemperatur zwischen 35 und 38 Grad aufwiesen.

  • Wie pflanzten sich Fischsaurier fort?

    Zwar legen die meisten Reptilien Eier, doch gibt es auch lebendgebärende, zu denen die Fischsaurier gehörten. Das Männchen befruchtete die Eier im Körper des Weibchens, aus denen in der Regel ein bis zwei Babys schlüpften. Sie hatten bereits ein vollständig entwickeltes Gebiss und mussten sich vom ersten Tag an selbst ernähren.

  • Wann verschwanden die Fischsaurier?

    Die Fischsaurier-Zeit endete vor rund 93 Millionen Jahren. Die Gründe sind unklar. Denn sie verschwanden auch vor den Dinosauriern von der Erdoberfläche, für deren Aussterben zumindest verschiedene Theorien wie ein Meteoriteneinschlag oder eine Klimaabkühlung kursieren. Während die Dinosaurier in den Vögeln weiterleben, gibt es keine Nachfahren der Meeresechsen. Ihre biologische Nische wurde später von den Mosarsauriern besetzt, einer Art großer Wasserschlangen. Diese starben mit den Dinosauriern vor 65 Millionen Jahren aus.

Für den Paläontologen Schoch ist das Fossil wie ein „Sechser im Lotto“, ist es doch ein wichtiges Bindeglied in der Entwicklungsgeschichte der Fischsaurier. „Die Erdgeschichte ist wie ein Schweizer Käse, sie ist voller Fundlücken.“ Die Wahrscheinlichkeit, mit Hilfe eines Skeletts diese „Löcher“ in der Evolution zu füllen, sei sehr gering.

Das Skelett der rund 7,5 Meter langen Meeresechse wurde bereits 1975 in einer Tongrube nahe Heiningen (Kreis Göppingen) am Fuße der Schwäbischen Alb geborgen. Erst die kanadische Gastwissenschaftlerin am Stuttgarter Naturkundemuseum und Fischsaurierexpertin Erin Maxwell erkannte vor kurzem die Bedeutung des Fundes, der 37 Jahre im Magazin des Museums schlummerte.

Urzeitwesen

Die derart verspätete Entdeckung führt Schoch auch auf die Fülle der Materials in den Magazinen des Museums zurück. Dort sind allein 90 000 Saurierstücke gelagert, jedes Jahr kommen tausende hinzu und bieten Arbeit für die nächsten Jahrhunderte. Schoch: „Die Forscher stehen ständig vor der Frage, was untersuchen wir als nächstes.“

Wie die neue Gattung der Meeresechse bezeichnet wird, ist noch unklar. Möglicherweise werde mit dem wissenschaftlichen Namen auf den Fundort verweisen, sagte Schoch. „Vielleicht werden wir Heiningen erwähnen.“