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Unsichere Datierung: Zweifel an letzter Zuflucht der Neandertaler

von Jan Dönges

Lange hielt die Forschung Südspanien für das letzte Rückzugsgebiet der Neandertaler. Jetzt aber melden Wissenschaftler erhebliche Zweifel an dieser Theorie an - und ernten gleich heftigen Widerspruch.

Ein rekonstruiertes Skelett eines Neandertalers (r.) neben dem Skelett eines modernen Menschen. Überlebte der Neandertaler in Südspanien tatsächlich noch längere Zeit nach der Ankunft des aus dem Norden eingewanderten Homo sapiens? Quelle: ap
Ein rekonstruiertes Skelett eines Neandertalers (r.) neben dem Skelett eines modernen Menschen. Überlebte der Neandertaler in Südspanien tatsächlich noch längere Zeit nach der Ankunft des aus dem Norden eingewanderten Homo sapiens? Quelle: ap

HeidelbergWährend überall in Europa schon vor mehr als 40.000 Jahren das letzte Stündchen der Neandertaler schlug, konnte sich eine vergleichsweise kleine Population im Süden Spaniens halten. Das legten jedenfalls zahlreiche Studien der Vergangenheit nahe. Der Neandertaler soll hier bis in eine Zeit vor rund 36.000 Jahren überdauert und womöglich gar zeitgleich mit dem aus Norden eingewanderten Homo sapiens gelebt haben.

Erhebliche Zweifel an dieser Theorie äußert nun ein Team um den Datierungsexperten Thomas Higham von der University of Oxford. Die meisten bisherigen Radiokarbondatierungen, so die Wissenschaftler, seien nicht ausreichend sorgfältig durchgeführt worden. Verunreinigung mit jüngerem Material könnte daher die Altersbestimmung systematisch verzerrt haben.

Evolution des Menschen Fortschrittliche Waffen schon vor 70.000 Jahren

  • Evolution des Menschen: Fortschrittliche Waffen schon vor 70.000 Jahren
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Higham und Kollegen unterzogen daher Tierknochenfunde einer erneuten Altersbestimmung. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Fundstücke mindestens zehntausend Jahre älter sind als gedacht. Das lege nahe, dass die südiberischen Neandertaler nicht länger lebten als ihre Artgenossen aus nördlicheren Landstrichen.

Für ihre Studie wählten sie aus den fraglichen Schichten südspanischer Neandertalerhöhlen diejenigen Tierknochen aus, die Spuren einer Bearbeitung mit Steinwerkzeugen trugen und daher wahrscheinlich nicht von Raubtieren in die Höhlen eingebracht wurden. Diese überprüften sie anschließend auf ihren Gehalt an Kollagen, das sich hervorragend für die C-14-Datierung eignet. Lediglich zwei von elf untersuchten Höhlen erbrachten Fundstücke mit einer ausreichenden Menge des Knochenstrukturproteins.

Evolution des Menschen

Anschließend reinigten sie die Proben mit Hilfe eines Filtrationsverfahrens und datierten sie. Sowohl das Material aus der andalusischen Zafarraya-Höhle als auch das aus der Höhle Jarama VI in der Provinz Guadalajara erbrachten das unerwartet hohe Alter von rund 50.000 Jahren. Beide Fundplätze galten bislang als Kronzeugen einer lang dauernden Neandertalerbesiedlung auf der iberischen Halbinsel.

Reichen zwei Neudatierungen wirklich aus?

Der wohl berühmteste Neandertaler: 1856 wurden diese Knochen im Neandertal bei Düsseldorf gefunden. Quelle: dpa
Der wohl berühmteste Neandertaler: 1856 wurden diese Knochen im Neandertal bei Düsseldorf gefunden. Quelle: dpa

Die Erhaltungsbedingungen in Spanien seien leider alles andere als zuträglich für eine Kohlenstoffdatierung, meinen die Forscher. Das könne womöglich erklären, warum gerade hier ein letzter Zufluchtsort der Neandertaler vermutet wurde.

Kannibalismus Jagdbeute Nachbarskinder

Urzeitliche Menschenjagd: Um an Fleisch zu kommen, stellten spanische Neandertaler-Vorfahren offenbar gezielt den Kindern ihrer Nachbarn nach. Ein Verhalten, das auch heutige Menschenaffen zeigen.

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Auch João Zilhão, Neandertalerforscher von der Universität Barcelona und prominenter Vertreter der These vom längeren Überleben der Frühmenschen in Spanien, bestätigt die Schwierigkeiten bei der Datierung von Proben aus dieser Zeit. Er hält jedoch aus genau diesem Grund die Schlussfolgerungen der Forscher für wenig überzeugend. Man könne nicht aus zwei Neudatierungen schließen, dass die Ergebnisse aller anderen Forschergruppen falsch seien – zumindest liefere die Studie keinerlei Anhaltspunkt dafür.

Urzeitwesen

Zilhão kritisiert außerdem die Auswahl der Proben: Im Fall der Höhle Jarama VI stamme der datierte Knochen nicht aus der jüngsten Schicht, bei Zafarraya sei die Schichtabfolge so durchmischt, dass man sie weder zur Bestätigung, noch zur Widerlegung der Refugiumstheorie heranziehen könne, meint der Forscher.

Ob die Theorie eines spanischen Neandertalerrefugiums fortan ad acta gelegt gehört, wird sich wohl erst weisen, wenn weitere, mindestens ebenso sorgfältige Neudatierungen die These von Higham und Kollegen stützen.  

Quelle: Spektrum.de