Forschung + Innovation

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Weltraumschrott: Eine Müllabfuhr für die Umlaufbahn

Die größte Schrotthalde der Menschheit kreist über unseren Köpfen. Die Hinterlassenschaft von 50 Jahren Raumfahrt gefährdet Satelliten und Raumfahrer. Unternehmen arbeiten daran, den erdnahen Weltraum aufzuräumen.

DüsseldorfNicht jede Müllabfuhr ist orange und stinkt nach Diesel. Um dem Schrott Herr zu werden, der in der Erdumlaufbahn millionenteure Satelliten gefährdet, braucht es andere Ideen. Schon kleinste Splitter können gigantische Schäden auslösen. Firmen in aller Welt tüfteln daher daran, die rasende Gefahr zu bekämpfen, sie wollen den Weltraumschrott mit Netzen einfangen, per Ballon entsorgen oder mit Wartungsrobotern auf ungefährliche Umlaufbahnen lenken.

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Diese Ideen sind nur einige der Ansätze, die Experten aller Raumfahrtnationen ab heute auf einer viertägigen Konferenz in Darmstadt diskutieren. „Wir können uns nicht mehr zurücklehnen. Wir müssen nun aktiv eingreifen und aufräumen“, sagt Heiner Klinkrad von der European Space Agency (Esa) in Darmstadt. Um das Problem der sogenannten Space Debris in den Griff zu bekommen, sei internationaler Austausch gefragt.

Ein halbes Jahrhundert Raumfahrt hat den erdnahen Weltraum zur größten Müllhalde der Menschheit gemacht. Seit dem Start vom Sputnik, dem ersten künstlichen Himmelskörper, am 4. Oktober 1957 haben die Raumfahrtnationen tausende Satelliten und Sonden sowie Unmengen von Abfall im All hinterlassen.

Raumfahrt-Katastrophen

  • 22. März 1961

    Kurz vor dem ersten russischen Raumflug kommt der Kosmonaut Walentin Bondarenko beim Training in einer Isolationskammer des Moskauer Instituts für Raumfahrtmedizin ums Leben. Ein mit Alkohol getränkter Wattebausch hatte sich entzündet und die mit reinem Sauerstoff gefüllte Kammer in Brand gesetzt.

  • 27. Januar 1967

    Bei einem Bodentest der US-Raumkapsel Apollo 1 am Raketenstartplatz Cape Canaveral (US-Bundesstaat Florida) verbrennen drei amerikanische Astronauten. Ein Funke hatte die Kapsel in Brand gesetzt.

  • 24. April 1967

    Der sowjetische Kosmonaut Wladimir Komarow zerschellt nach der Rückkehr aus dem Weltraum mit seinem Raumschiff Sojus 1 auf der Erde. Das Fallschirmsystem hatte versagt.

  • 29. Juni 1971

    Die dreiköpfige Besatzung des sowjetischen Raumschiffes Sojus 11 wird bei der Rückkehr von der Saljut-Raumstation tot in ihrer Kapsel aufgefunden. Bei der Landung hatte der Druckausgleich der Kapsel versagt.

  • 18. März 1980

    Eine Wostok-2M-Rakete explodiert beim Betanken direkt auf der Startrampe des russischen Weltraumbahnhofs Plessezk. 48 Menschen sterben.

  • 28. Januar 1986

    Nur 73 Sekunden nach dem Start explodiert die US-Raumfähre Challenger und stürzt in den Atlantik. Alle sieben Astronauten kommen ums Leben. Unglücksursache: eine fehlerhafte Dichtung zwischen Segmenten einer Antriebsrakete.

  • 15. Februar 1996

    Eine chinesische Rakete des Typs CZ-3 kommt kurz nach dem Start vom Kurs ab und stürzt in ein Dorf. Bei der Explosion sterben nach offiziellen Berichten sechs Menschen, inoffizielle Quellen sprechen von bis zu 500 Toten.

  • 1. Februar 2003

    Die Raumfähre Columbia bricht während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre auseinander. Alle sieben Astronauten an Bord sterben. Ursache der Katastrophe: Beim Start war ein Stück Schaumstoff vom Außentank abgerissen und hatte die Hitze-Isolierung des Spaceshuttles beschädigt.

  • 22. August 2003

    Eine brasilianische Trägerrakete des Typs VLS-1 explodiert auf der Startrampe des Weltraumbahnhofs Alcantara im Norden Brasiliens. 21 Menschen sterben.

Jedes Mal, wenn eine Rakete in den Weltraum geschossen wird, gelangen abgebrannte Raketenstufen, Bolzen und andere Kleinteile in die Umlaufbahn. Auch wenn ein Satellit ausgedient hat, fliegt er weiter durch den Orbit. Die erdnahe Umgebung ist inzwischen voller Hightech-Schrott. Das Problem, über das die Wissenschaftler diskutieren, wird in der Forschung als Kessler-Effekt bezeichnet – und dieser steht für eine gefährliche Kettenreaktion. Der Weltraumschrott rast mit unfassbaren Geschwindigkeiten durch das All. Stoßen zwei Teile zusammen, ist der Aufprall so gigantisch, dass die beiden Elemente wieder zersplittern und somit neue Gefahrenquellen schaffen.

Weltraum

Erstmals entdeckte der amerikanische Nasa-Wissenschaftler Donald J. Kessler 1978 diese Dynamik im Asteroidengürtel mit kleinen Himmelskörpern, die immer wieder aufeinanderprallten. Er übertrug das Phänomen auf Weltraumschrott. In einem Aufsatz formulierte er seine Bedenken, dass der Effekt bereits in 30 Jahren eintreten könne. Und tatsächlich schauen die Forscher heute immer besorgter gen Himmel.

„Aktuell befinden sich etwa 30.000 Objekte in den Erdumlaufbahnen, die zehn Zentimeter oder größer sind – und davon sind nur 22.000 vom Boden aus zu sehen und 16.000 katalogisiert“, sagt Heiner Klinkrad. Die Zahl der Objekte größer als ein Zentimeter geht in die Hunderttausende.

  • 22.04.2013, 07:43 Uhrgermarc

    Wenn du ein (Raum-)Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen {Meer} Universum.

    - frei nach Antoine de Saint-Exupéry

  • 22.04.2013, 09:08 UhrWolfsfreund

    Vor diesem Hintergrund bringe ich kein Verständnis für die Chinesen auf, die seinerzeit trotz aller internationalen Proteste demonstrativ einen Sateliten abschossen und so den Schrott schlagartig um 30% vermehrten. Das war rücksichts- und verantwortungslos und leichtfertig.
    Es wäre schon fast gerecht, wenn eine chinesische Raumkapsel von chinesischen Schrott getroffen und zerstört würde. Vielleicht würde das dazu führen, daß wissenschaftliches Denken über Steinzeitnationalismus gestellt würde.

  • 22.04.2013, 09:39 Uhrgoldeneye

    Vor Chinesen kann man kein Verständnis mehr haben. Es geht ja nicht nur um Weltraumschrott, sondern auch um die katastrophale Umweltverschmutzung! Deshalb: NO TO CHINA PRODUCTS - un terstützen wir lieber die EU und damit UNS, UNSERE Kinder, UNSERE Enkel!