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Zeiter Jahrestag von Fukushima: Tsunamischutt weckt Invasionsängste

Zehntausende Tonnen Schutt aus Japan treiben gerade über dem Pazifik Richtung USA - ein Erbe der Tsunamis von 2011. Biologen schätzen sie zwar als großes Experiment, fürchten aber auch die Folgen.

Helfer der japanischen Küstenwache begutachten mögliche Tsunami-Schäden. Rund 1,5 Millionen Tonnen Müll und Schutt wurden von den Tsunamis nach dem Tohoku-Beben 2011 auf das Meer hinausgetragen und schwimmen nun mit den Strömungen gen Osten Richtung Amerika. Quelle: AFP
Helfer der japanischen Küstenwache begutachten mögliche Tsunami-Schäden. Rund 1,5 Millionen Tonnen Müll und Schutt wurden von den Tsunamis nach dem Tohoku-Beben 2011 auf das Meer hinausgetragen und schwimmen nun mit den Strömungen gen Osten Richtung Amerika.Quelle: AFP

Als im letzten Juni ein 165 Tonnen schwerer Block aus Stahl und Beton an die Küste Oregons geschwemmt wurde, erschrak Jessica Miller einigermaßen heftig: Das Gebilde, das einst den Teil einer Hafenanlage im japanischen Misawa bildete und über den Pazifik getrieben war, barst vor Leben, obwohl es 15 Monate auf hoher See schwamm. "Es war surreal", erzählt Miller, die als Marineökologin an der Oregon State University in Newport arbeitet.

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Sie entdeckte zehntausende Organismen, die das Trümmerteil teilweise bis zu 15 Zentimeter dick überzogen – darunter Braunalgen, rosafarbene Seepocken und garnelenartige Kreaturen aus der großen Gruppe der Flohkrebse. Im Dezember 2012 landete dann ein zweiter großer Brocken aus einem japanischen Hafen an der Küste des US-Bundesstaats Washington an, der ebenfalls von Lebewesen übersät war. Zudem wird laufend weiterer Schutt an die Strände der US-Westküste oder jüngst auch Hawaiis gespült, wie abgetriebene Boote oder Bojen, die alle lebende Tiere beherbergen.

Tsunami-Jahrestag Von der Surrealität der Bilder

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Knapp zwei Jahre, nachdem das Tohoku-Erdbeben verheerende Tsunamis ausgelöst hat, schwemmt es massenhaft Müll und Trümmer von der japanischen Küste 8000 Kilometer entfernt an die Strände Nordamerikas. Das Treibgut dient vielen Organismen als schwimmende Insel – einige Arten gelten als potenziell invasiv. Laut Schätzungen der japanischen Regierung trugen die Tsunamis rund 1,5 Millionen Tonnen Material hinaus auf das Meer. "Wir erwarten, dass Tsunami-Schutt noch jahrelang angeschwemmt wird", meint Peter Murphy von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Silver Spring.

Karte der Trümmer: Rund 1,5 Millionen Tonnen Müll und Schutt wurden von den Tsunamis nach dem Tohoku-Beben 2011 auf das Meer hinausgetragen und schwimmen nun mit den Strömungen gen Osten Richtung Amerika. Quelle: NOAA
Karte der Trümmer: Rund 1,5 Millionen Tonnen Müll und Schutt wurden von den Tsunamis nach dem Tohoku-Beben 2011 auf das Meer hinausgetragen und schwimmen nun mit den Strömungen gen Osten Richtung Amerika.Quelle: NOAA

Damit hat die Flutwelle einige unerwartete Experimente angestoßen, denn Biologen haben nun die Chance ergriffen, einige potenzielle Artinvasionen von Anfang an zu beobachten. Ozeanforscher nutzen die Schuttsichtungen, um ihr Bild von Wind- und Meeresströmungen sowie deren Wirkung auf die Müllverlagerung zu verfeinern. Und Meeresökologen verfolgen die Wanderungen von Fischen mithilfe von Radioisotopen, die aus dem havarierten Reaktor Fukushima-Daiichi freigesetzt wurden. "Der Tsunami-Müll ist eine einzigartige wissenschaftliche Gelegenheit – örtlich wie zeitlich", sagt deshalb Susan Williams von der University of California in Davis.

Unerwartete Überlebenskünstler

Invasionsbiologen mussten wahrscheinlich am dringlichsten zur Tat schreiten, denn niemand hatte erwartet, dass Arten der Küsten die lange Reise über das offene Meer überleben würden. "Ein derartiges Ereignis kommt so selten vor, dass wir einfach nicht erwartet hatten, so etwas zu beobachten", erläutert James Carlton, ein Experte für Neozoen vom Williams College in Williamstown, der sich mit Miller und anderen Forschern zusammengetan hat, um die Ankömmlinge zu studieren. Zuerst müssen die Wissenschaftler sich vergewissern, dass der von ihnen unter die Lupe genommene Müll tatsächlich eine Folge der Tsunamis ist.

Wasserflaschen mit japanischen Schriftzeichen liefern dafür beispielsweise erste Anzeichen. Registrierungsnummern von Booten lassen sich zurückverfolgen, um festzustellen, ob diese als vermisst gelten. Aber von den etwa 1500 Objekten, die in den letzten Monaten angeschwemmt und registriert wurden, bestätigte die japanische Botschaft nur 21, so Murphy.

Biologie

Die Ankunft potenziell invasiver Arten sorgt die Anwohner der Pazifikküste dabei nicht erst seit heute. Organismen können im Ballastwasser von Ozeanriesen über große Distanzen schippern. Schiffe rekrutieren allerdings normalerweise nie ganze Lebensgemeinschaften, außerdem bewegen sie sich für viele Lebewesen zu schnell zwischen verschiedenen Häfen, als dass diese an Bord gelangen könnten.

Die ortsansässigen Küstenlebensgemeinschaften, die von den langsam schwimmenden Schuttmassen verfrachtet werden, sehen deshalb völlig anders aus – und sie können überall an der nordamerikanischen Küste auftauchen und nicht nur in einigen schwer überwachten Häfen. Bis jetzt wurden zwar noch keine Ansiedlungstendenzen ausgehend vom Tsunami-Schutt nachgewiesen, aber Carlton, Miller und Co haben auch nicht von jeder Anladung Kenntnis, weshalb ihnen potenziell invasive Arten durchaus entgangen sein könnten.

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