Geisteswissenschaften

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Hiroshima: Ein Experiment mit 70 000 Toten

Der Historiker Hiroshi Hasegawa hat den Atombombenangriff auf Hiroshima rekonstruiert – mit erschreckendem Ergebnis: In seinem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift „Aera“ beschreibt der Autor, wie durch ein Tarnmanöver des Piloten der bombentragenden „Enola Gay“ die Zahl der getöteten Zivilisten „maximiert“ wurde.

Etwa eine Stunde nach Detonation der Atombombe nahm ein amerikanischer Beobachter dieses Luftbild über Hiroshima auf. Quelle: ullstein bild
Etwa eine Stunde nach Detonation der Atombombe nahm ein amerikanischer Beobachter dieses Luftbild über Hiroshima auf. Quelle: ullstein bild

TOKYO. In dem Befehl des Stabschefs der US Army Air Force sind es nur harmlose Worte: „Maximum results" sollten die „pumpkins" bringen. Doch diese Kürbisse, wie sie die amerikanischen Generale nannten, waren Atombomben, und die maximalen Ergebnisse bedeuteten zigtausendfachen Tod von Zivilisten. Die „Enola Gay“, das amerikanische Flugzeug, das am 6. August, die Atombombe über Hiroshima abwarf, tat dies, wie ein japanischer Historiker und Journalist jetzt belegen kann, offenbar in einer Art und Weise, die die „Ergebnisse“ tatsächlich „maximierte“: Kommandant Paul Tibbets flog ein Tarnmanöver über Hiroshima und warf die Bombe erst im zweiten Anflug. Was zunächst als Petitesse der Kriegsgeschichte erscheint, ist für Hiroshi Hasegawa der Beleg für die wahren Absichten hinter dem ersten Atombombeneinsatz der Kriegsgeschichte.

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Wie er in einem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift „Aera“ schreibt, hat Hasegawa schriftliche Berichte von militärischen Beobachtern am Boden ausgewertet und mit Überlebenden gesprochen, die bestätigen: Der B-29-Bomber flog Hiroshima nicht, wie in seiner offiziellen „Field Order“ angegeben, direkt an. Die nach der Mutter des Kommandanten benannte „Enola Gay“ umkreiste Hiroshima stattdessen zunächst einige Male, woraufhin in der Stadt Alarm ausgelöst wurde. Dann flog sie weiter nach Osten und kreiste über Harima-nada, nahe der Stadt Okayama.

Erst danach flog sie über das japanische Binnenmeer zurück nach Hiroshima, um gegen 8.15 Uhr die Bombe mit dem zynischen Spitznamen „Little Boy“ abzuwerfen. Dieses Tarnmanöver habe dafür gesorgt, meint Hasegawa, dass die Menschen in Hiroshima nicht in den Schutzräumen saßen, sondern völlig überrascht wurden. Das habe die Zahl der Opfer in Hiroshima stark erhöht – etwa 70 000 Menschen starben sofort, mindestens ebenso viele in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren an den Folgen der nuklearen Strahlung.

Hasegawa glaubt, dass Tibbets dieses Tarnmanöver nicht eigenmächtig oder spontan flog, sondern in vollem Einklang mit den Forderungen seiner Vorgesetzten handelte: Die damalige US-Militärführung und auch Präsident Harry Truman hätten den Atombombenabwurf wie ein „Experiment“ durchgeführt, behauptet Hasegawa, und dazu gehörte der Überraschungseffekt zur Erhöhung der Opferzahlen.

Im Befehl des Generals Lauris Norstad, Chef des Planungsstabes der US Army Air Force vom 29. Mai 1945, den Hasegawa im Archiv der US-Luftwaffe fand und der bis jetzt unbekannt war, ist tatsächlich von der „experimental nature of the project“ die Rede. Und daher, so Norstad weiter, sei das Ziel: „to get the maximum results and obtain the maximum information for further development of the weapon“.

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