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Medizin: Mit Strom gegen Tinnitus

Millionen Menschen in Deutschland hören auch bei vollkommener Stille ein ständiges Geräusch: einen Tinnitus. Bislang gab keine wirksame Therapie gegen das Leiden. Jetzt ist es Forschern in Tierversuchen gelungen, das belastende Klingeln zu beseitigen.

Millionen Menschen in Deutschland werden von städnigen Ohrgeräuschen geplagt. Quelle: picture-alliance / obsdpa
Millionen Menschen in Deutschland werden von städnigen Ohrgeräuschen geplagt. Quelle: picture-alliance / obsdpa

HEIDELBERG. Es kann ein Pfeifen sein, ein Klingeln, ein musikalischer Ton oder auch ein breitbandiges Rauschen. 10 bis 15 Prozent der deutschen Bevölkerung hören auch bei vollkommener Stille ein ständiges Geräusch: einen Tinnitus. Jeder Dritte davon - das sind rund eine Million Menschen - wird dadurch erheblich in seiner Lebensqualität eingeschränkt. Und die Prognose ist nicht sonderlich gut: Eine Therapie, die das Ohrgeräusch dauerhaft beseitigt, existiert bislang nicht.

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Schuld ist der unzugängliche Entstehungsort. Denn nicht das Innenohr oder der Hörnerv trägt einen Defekt, der sich womöglich behandeln ließe; stattdessen glauben immer mehr Forscher, dass der Fehler tief im System vergraben liegt. Es ist die außergewöhnliche Lernfähigkeit des Gehirns, die sich gegen den Menschen wendet. Eine Ursache des Phänomens suchen sie daher in der neuronalen Plastizität, also der Bereitschaft des Hirns, sich in Reaktion auf äußere Einflüsse stets neu umzubilden.

So mag der Tinnitus zwar mit einer peripheren Störung seinen Ausgang nehmen, ein Knalltrauma etwa, das Hörsinneszellen in bestimmten Frequenzbereichen schädigt; entscheidend ist aber, was daraufhin im Kortex stattfindet: Bereiche, die auf diese Frequenzen spezialisiert sind, bekommen kaum oder keinen Input mehr und scheinen das Hörsystem zu einer überschießenden Fehlerkorrektur zu treiben. Es steigert deren Empfindlichkeit, regelt die Gegensteuerung durch hemmende Neurone herunter oder schlägt den plötzlich kaltgestellten Arealen sogar neue Spezialistenzellen zu. Die hyperaktiven Neurone feuern schließlich auch ohne eine äußere Reizung.

Fehlerkorrektur läuft aus dem Ruder

Im Normalfall ist das durchaus gewollt: Erst diese Reaktionen ermöglichen es dem Gehirn, mit Störungen umzugehen. Laut dem aktuellen Modell der Tinnitus-Entstehung läuft der Prozess jedoch irgendwann aus dem Ruder. Von den auditorischen Arealen angefangen, breitet sich der Defekt immer weiter über das ganze Gehirn aus.

Studien mit Hirnscannern haben ergeben, dass mit der Zeit Bereiche betroffen sind, die gar nicht primär an der Hörwahrnehmung beteiligt sind. Anormal erhöhte Hirnaktivität zeigte sich bei Tinnitus-Patienten etwa in Steuerungszentren wie den Basalganglien oder im limbischen System, das unter anderem Emotionen verarbeitet.

Betroffen sei insbesondere der Nucleus accumbens, erklärt Josef Rauschecker, der die Beteiligung dieser kleinen Hirnregion in einer gerade veröffentlichten Studie nachweisen konnte. Sie sei Teil eines Systems, das den ungewollten Dauerreiz vom Eindringen ins Bewusstsein abzuhalten versuche, dabei aber scheitere, so der Forscher vom Georgetown University Medical Center. "Wir glauben, dass eine Fehlregulation in diesem System das Grundübel beim chronischen Tinnitus sein könnte", meint Rauschecker.

  • 18.01.2011, 14:01 UhrAnonymer Benutzer: Antonietta

    Forschung ohne Tierversuche:
    Allein in der bundesrepublik Deutschland sterben jährlich noch immer mehrere Millionen Tiere im Namen der Wissenschaft. Dass man von den aus Tierversuchen gewonnenen Ergebnissen nicht auf die Wirkung beim Menschen schließen kann, ist inzwischen bekannt.
    Für Hamster ist leckere Petersilie tödlich, Meerschweinchen sterben an dem für uns lebensrettenden Penicillin, Schafe können Unmengen des Nervengifts Arsen vertilgen – wie will man da wissen, welches im Tierversuch gewonnene Ergebnis auf den Menschen übertragbar ist und welches nicht?

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