
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ – diese Frage beschäftigt nicht nur den deutschen Liedermacher Herbert Grönemeyer – auch Forscher gehen der Frage, wie sich männliche und weibliche Hormone auf Verhalten und Eigenschaften von Menschen auswirken.
Schon im Mutterleib wirken Hormone auf das Embryo ein – und zwar bei allen Kindern sowohl männliche als auch weibliche. In welchem Verhältnis sich weibliche und männliche Hormone auf das Embryo auswirken, darüber soll das Verhältnis von Ring- und Zeigefinder Auskunft geben, glauben einige Forscher. Zumindest fanden Wissenschaftlicher bereits einen Zusammenhang zwischen sportlichen Leistungen und dem Verhältnis dieser beider Finger: Je länger der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger, desto besser waren die Leistungen von Hochleistungssportlern in Tests – insbesondere, wenn es um Ausdauersportarten ging. Die Theorie: Bestimmte Gene sind gleichzeitig für die Fingerlänge als auch für die Geschlechtsdrüsen zuständig.
Wer männlichen Hormonen stärker ausgesetzt ist, gilt außerdem als risikobereiter. Das brachte den Neurowissenschaftler John M. Coates von der Universität Cambridge auf die Idee, Börsenhändlern auf die Finger zu schauen. Er untersuchte die Leistungsbilanz von Daytradern in Abhängigkeit zu ihrem Verhältnis von Ring- und Zeigefinger. Bei den Hochfrequenzhändlern sind besonders jene Eigenschaften gefragt, die mit männlichen Hormonen wie Testosteron in Verbindung gebracht werden: Schnelligkeit und Risikobereitschaft.
44 männliche Händler an der Londoner Börse beobachtete das Team des Neurowissenschaftlers über zwei Jahre hinweg. Das Ergebnis: Das Verhältnis von Ring- und Zeigefinger sagte tatsächlich etwas über die Leistung der Händler aus. Je kürzer ihr Zeigefinger im Verhältnis zum Ringfinger – Merkmal des besonders großen Einfluss von männlichen Hormonen – desto mehr Gewinn nahmen die Händler im Schnitt mit nach Hause. Eine Erklärung könnten auch frühere Studien liefern: Dort wurden männliche Hormone mit Fähigkeiten wie visueller Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit in Verbindung gebracht.
Doch noch einen anderen Zusammenhang entdeckten die Forscher: Händler mit besonders männlicher Fingerphysiognomie arbeiteten nicht nur profitabler, sondern hielten dem Stress im Job des Hochfrequenzhandels im Schnitt auch länger stand.
Die Theorie der männlichen Langfinger ist unter Wissenschaftlern allerdings nicht unumstritten. Der Psychologe Stefan Troche untersuchte, ob das Fingerverhältnis tatsächlich etwas über Eigenschaften wie Aggressivität, sexueller Orientierung oder der Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten aussagt. Bei allen diese Eigenschaften wird ein Zusammenhang zum Anteil männlicher und weiblicher Hormone vermutet. Der Psychologe stellte allerdings keinen Zusammenhang fest.