
Ist der Löwe gesund, freut sich der Mensch: Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass nur alte oder kranke Raubkatzen auf Menschenjagd gehen. Dem vergleichsweise intelligenten Zweibeiner würde demnach die Tatsache zum Verhängnis, dass er im Vergleich zur üblichen Löwen-Beute wie Zebra oder Antilope deutlich langsamer unterwegs ist – und sich weder durch spitze Hörner noch durch harte Hufe zur Wehr setzen kann. Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht für die Zweibeiner-Fraktion leider viel betrüblicher aus, wie der Zoologe Bruce Patterson vor einigen Jahren nachweisen konnte. Der Wissenschaftler arbeitet am Field Museum of Natural History in Chicago, wo er über sehr berühmte Studienobjekte verfügt: die Menschenfresser von Tsavo – zwei Löwen, die 1898 im Gebiet der kenianischen Tsavo-Flusses bis zu 130 Eisenbahnarbeiter getötet und verzehrt hatten.
An den Gebissen der Tiere konnte Patterson starke Beschädigungen nachweisen. Ein Umstand, den der Zoologe zunächst als Beleg für die eingangs formulierte Theorie interpretierte: Mit ihren kranken Zähnen hätten sich die Menschenfresser auf langsamere und weniger widerstandsfähige Beute spezialisieren müssen.
Um weitere Belege für diese These zu sammeln, begab sich Patterson selbst in die Region des Tsavo-Flusses, wo mittlerweile einer der größten Nationalparks Kenias existiert. Löwen, die die Grenzen des Parks überschreiten, bilden hier eine ständige Bedrohung für die einheimische Bevölkerung. Patterson untersuchte Dutzende Tiere, die erschossen worden waren, nachdem sie den Park verlassen und Menschen angefallen hatten. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass nur drei der Tiere alt oder verletzt waren.