
Wer im Archiv des renommierten Wissenschaftsjournals Physical Review Letters stöbert, kann dort einen Aufsatz finden mit dem sperrigen Titel Two-, Three-, and Four-Atom Exchange Effects in bcc 3He. Der Inhalt des 1975 erschienen Papiers dürfte bei Menschen, die sich nicht mit Leib und Seele der Tieftemperaturphysik verschrieben haben, eher geringen Anklang finden. Umso interessanter sind die Namen der Autoren: J. H. Hetherington, seinerzeit Dozent an der Michigan State University, und F. D. C. Willard – ein Pseudonym, hinter dem sich Hetheringtons Siamkatze Chester verbarg.
Nun halten sich die naturwissenschaftlichen Begabungen solcher Vierbeiner üblicherweise in engen Grenzen, und Chester bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Ihren Ruhm als wissenschaftliche Autorin verdankte die Katze einer kleinen Notlage, in die sich Hetherington beim Schreiben manövriert hatte: Obwohl Alleinautor, hatte er in dem Aufsatz stets von sich im sogenannten Autorenplural (Pluralis Auctoris), also als „wir“ gesprochen.
Als ein anderer Forscher ihn darauf hinwies, dass die Zeitschrift dies bei Einzelautoren nicht akzeptiere, stand der Physiker vor der unangenehmen Wahl, das Manuskript zu überarbeiten – in jenen Tagen ohne Textverarbeitungsprogramm eine aufwendige Angelegenheit – oder kurzfristig einen Kollegen ins Boot zu holen, mit dem er dann den Ruhm der Veröffentlichung hätte teilen müssen.
Hetherington entschied sich für eine dritte Alternative und machte kurzerhand die Katze zum Co-Autor. Und da ihm „Chester“ etwas zu simpel für einen Tieftemperaturphysiker erschien, ersetzte er den Namen durch den des Vaters der Katze, Willard, sowie die Buchstabenfolge F. D. C., die aufgelöst die lateinische Bezeichnung Felis domesticus – Hauskatze – ergibt.
Es dauerte immerhin drei Jahre, bis der Schwindel aufflog – wobei Hetherington tatkräftig mithalf: Als er 1978 eine Einladung zu einer Physiker-Tagung erhielt, die auch seinen Co-Autor einschloss, machte er sein Geheimnis öffentlich, indem er signierte Exemplare des Artikels verschickte. Statt der Unterschrift von Willard trugen sie einen Pfotenabdruck von Chester.
Doch obwohl der vierbeinige Autor damit enttarnt war, kam F. D. C. Willard noch einmal zu wissenschaftlichen Ehren: 1980 wurde ein weiterer Aufsatz unter diesem Namen veröffentlicht, diesmal in dem populärwissenschaftlichen Magazin La Recherche. Es wurde Chesters letzter Ausflug in die Wissenschaft, seither ist diese einzigartige Stimme der Physik verstummt.
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