
Es ist nicht allein die Höhe, die den bedeutendsten Berg des Himalaya-Königreichs Bhutan zum Gegenstand von Bergsteiger-Sehnsüchten macht. Mit 7570 Metern erreicht der Gangkhar Puensum zwar respektable Dimensionen, in einem Gebirge, das mit Achttausendern geradezu gespickt ist, bedeutet das jedoch eher Mittelmaß. Doch anders als seine großen Brüder wie Mount Everest oder K2 musste sich der Gangkhar Puensum noch keinem Gipfelstürmer geschlagen geben. Tatsächlich ist der Koloss der höchste noch unbestiegene Berg der Erde.
Diesen Rekord verdankt der Gangkhar Puensum allerdings weniger den Schwierigkeiten, die er Bergsteigern entgegensetzt. Viel mehr als mit dem Berg haben Gipfelstürmer mit den bhutanischen Behörden zu kämpfen, gegen deren Widerstand Lawinen oder Eisflanken als geradezu harmlose Hindernisse erscheinen.
Bis 1983 war Bergsteigen in Bhutan generell verboten. Nachdem diese Vorschrift gelockert worden war, scheiterten mehrere Expeditionen beim Versuch, den Gipfel des Gangkhar Puensum zu erreichen. Doch viele Einwohner des Himalaya-Staats missbilligten die Aufhebung des Verbots, da nach ihrer Religion die Berggipfel Sitze der Götter sind. Aus Respekt vor diesen Traditionen verbot Bhutan 1994 das Bergsteigen in Höhen über 6000 Metern. Seit 2003 gilt wieder ein generelles Verbot.
Dank dieser Vorschrift dürfte der Gangkhar Puensum seinen Rekord wohl noch eine ganze Weile verteidigen. Zugleich sorgt sie dafür, dass der Berg bis heute zu den am schlechtesten kartierten Regionen der Erde gehört. So ist nicht einmal klar, ob er vollständig auf bhutanischem Territorium oder in Teilen auf tibetischem Gebiet steht.
Die schwierige Kartenlage war übrigens auch der Grund, warum die erste Expedition, die den Gipfel bezwingen wollte, ihren Versuch vorzeitig abbrechen musste: Die verhinderten Gipfelstürmer waren schlicht nicht in der Lage, den Berg zu finden.