Für die einen ist sie Faszination pur, für andere eine Buch mit sieben Siegeln und für einige gar der reine Zahlenhorror – die Mathematik. Wie keine andere Naturwissenschaft unterteilt sie ihr Publikum in die Schweißgebadeten und die Leidenschaftlichen. Doch auch, wer die Welt der Zahlen bislang nur als Alptraum erlebte, kann derzeit in Deutschland ganz neue Einblicke gewinnen. Eine Spurensuche zum Jahr der Mathematik.
Bunte Welt der Zahlen und Formen: An vielen Orten in Deutschland laden Ausstellungen zum Jahr der Mathematik ein Foto: rtr
DÜSSELDORF. Schweißtropfen triefen auf Daunen und Laken, im Schreien richte ich mich auf und starre verwirrt in die Düsternis, bis sich die Panik in Erleichterung auflöst. Gott sei Dank! Dies ist kein Mathematikabitur, sondern ein nächtliches Schlafzimmer. Dies ist nicht das Trauma von der kenntnislosen Prüfungsangst, sondern der übliche Quartalstraum, dieser Vierteljahresalp, der mich so sicher heimsucht wie drei mal drei gleich neune sind. Sie wissen schon, wie ich’s meine.
Die Mathematik kennt vermutlich keine Gleichgültigkeit, sondern sie sortiert ihr Publikum in die Schweißgebadeten und die Leidenschaftlichen.
Für die einen wie für die anderen ist 2008 zum „Jahr der Mathematik“ erhoben worden, in dem es an Festreden ebenso wenig mangeln wird wie an Versuchen, die Riemann’sche Hypothese sowie die Goldbach’sche Vermutung endlich aufzulösen – jene vielleicht letzten Rätsel der Mathematik.
Bevor das mathematische Jahr also seine Unschuld verliert, empfiehlt sich ein Besuch in die Musealität von Zahlen, Ziffern, Ungewissheiten und Vermutungen – facht sie unsere Neugier an? Weckt sie Lust an der Leidenschaft der Abstraktion – oder dupliziert sie den Alp?
Forsch stapft der Punk mit der grünen Irokesenfrisur durch das Heinz Nixdorf MuseumsForum, im Schlepptau eine Dame mittleren Alters. Sie machen vor einer Vitrine halt, in welcher der Nachbau einer Rechenmaschine aus der Aufklärungszeit ausgestellt ist: Anwendung erwünscht. „Mama, komm her“, sagt der ostwestfälische Irokese und stellt hier ein Sprossenrad ein, justiert dort an der Staffelwalze, „ich erklär es dir.“
Ob Mama es kapiert hat, geht in den Erläuterungen ihres Sohnes unter, in denen es um Computer geht und ihre zahlreichen analogen Vorläufer, die Rechenmaschinen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Das ist doch nicht normal, dass du nicht wissen willst, wie das funktioniert.“
Ein Gang durch das Computermuseum zeigt augenfällig, dass die Geschichte der Mathematik zugleich die Geschichte der Menschheit ist und ihrer Bemühungen, das Alltags- und Wirtschaftsleben zu erleichtern und die Mühsal des unentwegten Abzählens mit Hilfe logischer Repräsentation ins Rechnen zu kanalisieren. Die frühe Algebra muss ein ungeheures Maß an Kreativität und Denkerkraft verschlissen haben, deren Ergebnis aber revolutionär war: Erst die Vereinfachung des Zählens führte zur Entwicklung von vergleichbaren Ziffern und Zahlen, die miteinander in rechnerische Beziehung gebracht werden konnten. „In der Mathematik“, schreibt John D. Barrow, „finden wir die Spannung zwischen dem, was unser Geist von der Umgebung, in der er sich entwickelte, abstrahierte, und dem, was ihm durch die Erbanlagen aufgeprägt wurde, die uns zu Menschen machen.“
Barrow ist britischer Astronomieprofessor und populärwissenschaftlicher Buchautor, der sich unentwegt die Frage stellt, warum die Welt mathematisch ist. Seine Antwort – Zahlen geben Sicherheit – könnte das Leitmotiv im Heinz Nixdorf Museumsforum sein, das uns den Werdegang von Theorie und Praxis, von reiner Mathematik zu angewandter Informatik eindrucksvoll vor Augen führt. Wir lernen die Zählkerben eines Mammutjägers kennen, können Kerbhölzer und Abakusse ausprobieren und die Wege und Irrwege der „künstlichen Intelligenz“ nachvollziehen.
Ähnlich wie die Sehnsucht nach Vergleichbarkeit, Vereinfachung und Berechenbarkeit des gewöhnlichen Chaos die Arithmetik auf den Plan brachte, so ähnlich war es um die Künste bestellt. Wie Maler, Zeichner, Geografen und Baumeister mit Hilfe der Geometrie zur Perspektive fanden, auch das zeigt das aufregende Paderborner Mathematik- und Computermuseum zum Beispiel mit Perspektivmaschinen und Erläuterungen zu Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“.
Nebenan langweilt sich ein Halbwüchsiger nasepopelnd vor einem frühen Rechenschieber, während sein mathematikbegeisterter Vater zu verzweifeln scheint: „Das ist doch nicht normal, dass du nicht wissen willst, wie das funktioniert.“ Die beiden sollten es mal mit dem Kryptokegel vor der Wandverglasung versuchen, einem mannshohen Mitmachbeweis dafür, dass es bei der Mathematik nicht nur um das Aufklären von letzten Geheimnissen geht, sondern auch um das Erschaffen neuer Rätsel – angewandte Kryptologie. Mit deren Hilfe taucht der Berichterstatter fasziniert in die abenteuerliche Welt der Geheimagenten und Spione ein – eine Erlösung vom traumatischen Quartals-Alp „Matheabitur“ ist aber auch dadurch wohl nicht in Sicht.
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Rechnet sich das? Algebra und Geometrie und die Wonnen der Abstraktion an Rhein, Lahn und Pader
Bonn
„Rechnen einst und heute“ heißt die ständige Ausstellung im Bonner Arithmeum, die sich von der Bizarrerie der Räderwerke des mechanischen Rechnens bis hin zur Faszination moderner höchstintegrierter Logikchips spannt.
Lennéstraße 2, 53113 Bonn
» www.arithmeum.uni-bonn.de
Gießen
Das Mathematikum, erstes mathematisches Mitmachmuseum der Welt , steht in Gießen. Jeden Donnerstag um 17 Uhr gibt es öffentliche Präsentationen und Experimente, in den Ferien und an den Wochenenden sind viele Extratermine.
Liebigstraße 8, 35390 Gießen
» www.mathematikum.de
Paderborn
Anlässlich des Jahres der Mathematik 2008 in Deutschland zeigt das Heinz Nixdorf Museumsforum vom 1. Februar bis 18. Mai 2008 eine Sonderausstellung „Zahlen, bitte! Die wunderbare Welt von null bis unendlich“.
Fürstenallee 7, 33102 Paderborn
» www.hnf.de
