Doch es gibt Hoffnung: „Die ersten Pharmaunternehmen entdecken altersgerechte Medikamente als einen neuen Markt“, sagt Sieber. So hat beispielsweise Berlin-Chemie sein Medikament gegen Herzschwäche, den Betablocker Nebilet, in einer Studie speziell an über 70-jährigen Patienten getestet. „Das Durchschnittsalter der Probanden in bisherigen Studien lag bei 60 Jahren, in der Praxis sind die Herzpatienten im Durchschnitt jedoch 75 Jahre alt“, sagt Albert Lichtenthal, Experte der Firma für kardiovaskuläre Erkrankungen. Für die Firma zahlte sich das Engagement aus: Seitdem sich das Medikament auch bei älteren Menschen als wirksam und verträglich erwiesen hat, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie Nebilet als einzigen Betablocker zur Behandlung älterer Herzinsuffizienz-Patienten.
Es gibt weitere Beispiele. So testete der französische Hersteller Servier sein Osteoporose-Mittel Protelos kürzlich speziell an älteren Patienten. Und in einer großen Studie wurde die präventive Wirkung des Cholesterinsenkers Pravastatin gegen Herzinfarkt und Schlaganfall für Menschen zwischen 70 und 80 Jahren überprüft.
Ein weiteres Problem der Altersmedizin ist die mangelnde Therapietreue der Patienten. Das hat oft triviale Gründe: Sie haben die Einnahme einfach vergessen. Zudem können alte Menschen oft die zu kleinen Beschriftungen der Packungen nicht lesen oder kommen mit der Vielzahl verschiedener Medikamente durcheinander. Auch hier gibt es erste Lösungen. Während bereits einzelne Apotheken die Tagesration der Patienten individuell – wie im Krankenhaus nach morgens, mittags und abends – in kleinen Beuteln vorsortieren und verpacken, will die Firma Assist Pharma, Tochter des Arzneimittelimporteurs Kohlpharma, den Vorgang automatisieren und ab Dezember des Jahres bundesweit als Service anbieten.
Ein spezielle Maschine stellt dabei die vom Arzt verschriebenen Tabletten als Wochenration in einer speziellen Blisterverpackung für den jeweiligen Wochentag und die Tageszeit zusammen. „Der Patient muss dann nur noch zum jeweiligen Zeitpunkt seine Medikamente aus dem Blister drücken und einnehmen – ohne die Tabletten zählen zu müssen oder Kapseln verwechseln zu können“, sagt der Apotheker Stefan Regulla, der bei Assist Pharma den Service vorbereitet.
Wie Erfahrungen in Skandinavien zeigen, könnte diese neuartige Medikamentenversorgung nicht nur zu einer effektiveren Behandlung von Krankheiten bei älteren Menschen beitragen, sondern auch dafür sorgen, dass diese länger selbstständig in ihren eigenen vier Wänden leben können.
