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02.02.2007 
Heiße Technik

Deutschland, die grüne Weltmacht

von Martin Seiwert, Matthias Hohensee, Matthias Kamp und Wirtschaftswoche

Das Klima spielt verrückt, Rohstoffe werden langfristig immer teurer, in den Schwellenländern nimmt die Umweltverschmutzung katastrophale Ausmaße an. Grüne Technologien stehen deshalb vor einem gigantischen Boom. Die weltweit führende deutsche Umweltindustrie hat beste Exportchancen – und das Zeug zum wichtigsten Jobmotor.

Solarzellen aus Deutschland etwa, sind international gefragt. Foto: apLupe

Solarzellen aus Deutschland etwa, sind international gefragt. Foto: ap

DÜSSELDORF/SILICON VALLEY/PEKING. Ein Meer von winzigen, grünen Pflanzensetzlingen, ein paar Fahrräder, ein Stapel Autoreifen. Darüber spannt sich in luftiger Höhe ein filigranes Dach aus blaugrauen, halbtransparenten Solarzellen. Das futuristische Glasdach des Wal-Mart-Centers unweit von Dallas lässt genügend Licht für die Pflanzen durch, schützt sie vor der texanischen Hitze - und produziert fleißig Strom: Die Solarinstallation des deutschen Glaskonzerns Schott kommt auf eine Leistung von rund 40 Kilowatt. Dem aufgeheizten Weltklima werden dadurch jährlich über 300 Tonnen Kohlendioxid erspart.

Doch das dürfte das Wal-Mart-Management herzlich wenig interessieren. Den Billigheimer treibt ein ganz anderes Problem um: der hohe Strompreis. Der ist nach den Löhnen der größte Kostenblock des Handelsgiganten. Im vergangenen Oktober kündigte Wal-Mart-Chef Lee Scott an, 500 Millionen Dollar in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien zu investieren, vor Kurzem schrieb Wal-Mart die Ausstattung der rund 4000 Filialen in den USA mit Solaranlagen offiziell aus. Das wäre mit rund 100 Megawatt Gesamtleistung eines der größten Fotovoltaik-Projekte der USA.

Der Kostendrücker aus dem Land der Umweltmuffel greift zu deutscher Solartechnik - kaum etwas belegt besser den weltweiten Vormarsch von Ökotechnologien und die Spitzenposition deutscher Unternehmen. Aufgrund steigender Rohstoffpreise und der wachsenden Umweltprobleme entsteht rund um den Globus ein gigantischer Bedarf an neuer Technik, mit der sich Rohstoffe und Energie effizienter nutzen und erzeugen lassen und die den Ausstoß von Treibhausgasen, die Verschmutzung von Luft und Wasser eindämmt.


Tabelle Infografik: Boombranche Umwelttechnik


Eine neue Boombranche entsteht, denn Umweltschutz lohnt sich inzwischen und ist kein Hobby von Weltverbesserern mehr. Vor allem das beispiellose Wachstum von Schwellenländern wie China oder Indien sorgt zum einen für knappe Rohstoffe; zum anderen droht diesen Ländern aufgrund umweltschädlicher Produktionsmethoden an vielen Orten ein Ökokollaps.

Für Unternehmen, die besonders effiziente oder umweltschonende Technologien anbieten, sind deshalb goldene Zeiten angebrochen. Von der Nanotechnologie bis zum CO2-neutralen Kohlekraftwerk, von der kostengünstigen Pflanzenkläranlage zum modernen Biomasse-Kraftstoff - die Umwelttechnik mausert sich zur Wachstumsindustrie des 21. Jahrhunderts.


Tabelle Infografik: Welthandelsanteile der größten Anbieter von Umweltschutzgütern


Vor allem in Deutschland: Das Land der peniblen Müllsortierer und der allgegenwärtigen Windräder beheimatet - auch dank üppiger Subventionen - die stärkste Umweltindustrie der Welt. Und die steht vor gigantischen Exportchancen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des Fraunhofer ISI und der Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kommt zum Ergebnis, dass die Umwelttechnik klassische Industriezweige wie Fahrzeug- oder Maschinenbau binnen eines Jahrzehnts hinter sich lässt. In 15 Jahren werde die Umweltindustrie die Automobilwirtschaft als deutsche Leitindustrie abgelöst haben. Derzeit steuert die Umweltbranche vier Prozent zum Umsatz aller Wirtschaftsbereiche bei, bis 2030 werde der Anteil voraussichtlich auf satte 16 Prozent steigen. Schon heute arbeiten geschätzte 1,5 Millionen Deutsche in der Umweltschutzbranche. Selbst vorsichtigsten Schätzungen zufolge werden in den nächsten Jahren Hunderttausende neuer Jobs entstehen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was der entscheidende Unterschied zum Boom zu Zeiten der New Economy ist.

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