Die Klimadiskussion hat jedem die Notwendigkeit von alternativen, sauberen Energiequellen aufgezeigt. Geothermie-Kraftwerke nutzen die Erdwärme und gelten nicht nur als ergiebig sondern – im Gegensatz zur Kernkraft – auch als risikofrei. Dann begann bei einem Pilotprojekt jedoch die Erde zu zittern und mit den Stößen kamen die Zweifel.
BASEL. Die Vision klingt gut: Wärme aus der Erde ist zuverlässig und überall vorhanden, schreibt Geothermal Explorers, ein Schweizer Unternehmen mit Sitz in Pratteln bei Basel. Von „einem besonderen Geschenk der Natur“ ist die Rede. Die mit heutiger Technologie nutzbaren weltweiten Ressourcen seien 30-mal größer als die bekannten fossilen Brennstoffreserven. Hinzu kommt der unschlagbare Vorteil der absoluten Sauberkeit, da geothermische Kraftwerke ohne Verbrennung funktionieren.
Was sich so viel versprechend anhört, wollten die Schweizer auch in die Tat umsetzen. Vergangenes Jahr erhielt Geopower – eine von Geothermal gegründete Schweizer Gesellschaft mit acht regionalen Energiedienstleistern und zwei Kantonen als Aktionären – die Genehmigung, in Kleinhünigen bei Basel ihr „Deep Heat Mining“-Projekt zu starten. Die Geologen errichteten einen Bohrturm, von dem aus sie bis in 5 000 Meter Tiefe vordrangen. An dieser Stelle ist das Erdinnere rund 200 Grad warm. Anschließend pressten sie Wasser durch das Bohrloch ins Gestein, um bereits vorhandene Poren und Risse zu verbreitern. Am Ende sollte ein Wasserkreislauf stehen: In die Erde gepumptes kaltes Wasser erhitzt sich an heißen Gesteinsformationen, steigt über andere Bohrungen auf und kann ins Fernwärmenetz eingespeist werden oder Turbinen antreiben. 30 Jahre mindestens, so hatten die Geologen errechnet, würde die Energie für etwa 10 000 Haushalte reichen.
Doch dann wackelte am 8. Dezember 2006 in einem Radius von 15 Kilometern rund um das Bohrloch die Erde. Das Beben der Stärke 3,4 war sogar in Deutschland zu spüren. Das kantonale Bauamt in Basel war alarmiert und ließ die Bohrungen sofort einstellen. Obwohl seither kein Wasser mehr fließt, bebt die Erde weiter. Der siebte und bisher letzte Stoß erwischte die Basler am 21. März zum Feierabendverkehr. Größere Schäden gab es bei keinem der Beben, doch die Mitarbeiter einer von Geopower eingerichteten Hotline hatten gut zu tun, um verunsicherte Bürger zu beruhigen.
Nahezu jeder Eingriff des Menschen in den Untergrund berge die Gefahr von Erdbeben, erklärt Horst Rüter, Geoforscher und Präsident des deutschen Bundesverbandes Geothermie. Das gelte für den Tunnelbau wie für die Pläne, das Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken künftig unterirdisch zu deponieren. Die Schweizer wollen deshalb erst ermitteln, wie groß das Risiko ihrer Geothermie-Bohrung wirklich ist. Die Bauverwaltung des Kantons Basel rechnet damit, dass das durchaus noch anderthalb Jahre dauern wird. Als sichtbares Zeichen dafür, dass das Projekt so lange auf Eis liegt, ist inzwischen auch der Bohrturm abgebaut. Geopower hofft trotzdem, dass es irgendwann weitergeht: Sonst wären die 40 Mill. Euro Risikokapital, die die Aktionäre investiert haben, in den Sand gesetzt, sagt Sprecher René Kindhauser.
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Die Schweizerische Vereinigung für Geothermie (SVG) schlägt denn auch vor, fünf bis zehn neue Tiefenbohrungen zur Erforschung der Erdwärmenutzung vorzunehmen. Zur Stromproduktion „kann und soll die Geothermie einen Beitrag leisten“, betont die Parlamentsabgeordnete und Präsidentin der SVG, Kathy Riklin. Zwar hätten die Erdstöße in Basel die Skepsis gegenüber Großprojekten geweckt. Doch Anlagen für den Hausgebrauch, die oberflächennahe Erdwärme zum Heizen nutzen, seien erprobt. Laut SVG wird in der Schweiz bereits in einem Sechstel der 2006 neu installierten Heizungen Erdwärme verwendet.
Im Bundesumweltministerium in Berlin verfolgen die Beamten die Entwicklung in der Schweiz mit Argusaugen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hebt bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Erdwärmenutzung als Alternative etwa zur Kernkraft hervor. Die Technologie stehe in Deutschland zwar noch am Anfang, sagte Gabriels parlamentarische Staatssekretärin Astrid Klug vor kurzem auf einer Fachtagung in Karlsruhe: Sie sei aber wegen ihrer enormen Potenziale für die Zukunft im hiesigen Energiemix unverzichtbar.
Die Zahl der genehmigten oder beantragten Projekte in Süddeutschland, bei denen gebohrt werden darf, beziffert Klug auf 70 bis 80 – mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Mrd. Euro. Bundesweit schätzt sie das Investitionsvolumen auf das Doppelte. Das soll trotz der Beben in Basel zunächst auch so bleiben. Da es keine vergleichbaren Vorfälle in der Bundesrepublik gibt, gebe es zurzeit keinen Grund, an der Förderpolitik etwas zu ändern, heißt es aus dem Bundesumweltministerium.
Das beruhigt auch den Bundesverband Geothermie. Zwar werden bislang bei den Erdwärme-Projekten in Deutschland nur heiße Wasserreservoirs in der Tiefe angezapft. Es gibt aber Forschungsprojekte in Potsdam und Hannover, wo ähnlich wie in der Schweiz Wasser in den Untergrund gepresst werden soll. Geoforscher Rüter beruhigt: „Da diese Vorhaben nicht in tektonisch aktiven Gebieten liegen, dürfte hier nichts passieren.“
