Nach einer rekordverdächtigen Zwangspause von vier Jahren soll das europäische Weltraummodul Columbus am Donnerstag endlich zur Internationalen Raumstation ISS starten. Die wichtigste Mission in der Geschichte der europäischen Raumfahrt bedeutet für Deutschland eine ganz besondere Bewährungsprobe.
Schon 2004 sollte Columbus ins All starten, doch der Absturz der Raumfähre Columbia verhinderte einen Start. Foto: Nasa
HB OBERPFAFFENHOFEN. Die Stimmung ist hochkonzentriert. Nach jahrelanger Vorbereitung soll an diesem Donnerstag das europäische Weltraumlabor „Columbus“ zur Internationalen Raumstation ISS starten. Im Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen bei München laufen die letzten Vorbereitungen. „Es kann also endlich wieder los gehen“, hieß es dort erleichtert vor ein paar Tagen, als die Nasa den Termin für den mehrfach verschobenen Start bestätigte.
Etwa 75 Wissenschaftler und Ingenieure steuern im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen die europäischen Aktivitäten auf der ISS und im „Columbus“-Labor. Mit Simulationen bereiten sie sich derzeit auf ihren Einsatz vor. „Jeder Start ist etwas Neues“, sagt Andreas Schütz vom DLR.
Die Mission bedeutet für das DLR-Team eine besondere Bewährungsprobe. Oberpfaffenhofen ist Herz und Hirn der Columbus-Mission: Hier werden die wissenschaftlichen Programme von Forschungszentren in ganz Europa koordiniert und die technischen Systeme des Labors von der Heizung bis zur Luft- und Wasserversorgung gesteuert. Rund um die Uhr wird das „Columbus“-Kontrollzentrum über Funk und Video Kontakt zu den Astronauten halten, unter ihnen der deutsche Diplomphysiker Hans Schlegel (56). An zahlreichen Bildschirmen werden Wissenschaftler den Flug, das Andocken und die Arbeit im Labor verfolgen.
In dem 880 Mill. Euro teuren Labor sollen über mehrere Jahre Untersuchungen in der Schwerelosigkeit vorgenommen werden. Für deutsche Forscher beginne eine „neue Ära“, heißt es beim DLR. „Dieser Flug ist eine der größten Weltraummissionen, die Europa in seiner Geschichte realisiert hat.“
Wenn Schlegel am Samstag nach der Ankunft bei der ISS mit einem US-Kollegen ins All geht, um das Andocken von „Columbus“ vorzubereiten, wird er noch von der Nasa geleitet, die mit den russischen Kollegen für Arbeiten außerhalb der Station zuständig ist. Wenn das Modul an die ISS angekoppelt ist - laut Plan am kommenden Montag, übernimmt Oberpfaffenhofen die Regie für „Columbus“.
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Zu den ersten Projekten zählt ein Versuch zum Verhalten von Flüssigkeiten in Schwerelosigkeit. Später sollen Mikroorganismen, Zellen, Gewebekulturen, Pflanzen und Insekten untersucht werden. Schon im ersten Jahr sind von deutscher Seite 19 medizinische Experimente geplant. An den Astronauten sollen etwa Auswirkungen längerer Schwerelosigkeit getestet werden. Die Forscher erhoffen sich Erkenntnisse über das Altern, den Gleichgewichtssinn, Veränderungen des Knochenaufbaus und des Immunsystems.
Zehn Experimentierschränke passen in „Columbus“, nur vier fliegen aber vorerst mit. Ein Teil des Platzes wird als Stauraum gebraucht, der Rest steht den Amerikanern zu, als Tribut für den Transfer mit der Raumfähre „Atlantis“.
Am Donnerstag um 20.45 Uhr MEZ soll die „Atlantis“ mit „Columbus“ vom US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral abheben. Doch bis zur letzten Sekunde kann der Start erneut abgeblasen werden. Die Sicherheit geht vor - fast auf den Tag vor fünf Jahren war die Raumfähre „Columbia“ verglüht, sieben Astronauten starben. Wegen der Katastrophe wurde das Projekt „Columbus“, das schon 2004 ins All sollte, auf Eis gelegt. Dann war der Start für den 6. Dezember 2007 geplant, musste aber wegen technischer Probleme Tag um Tag verschoben und schließlich erst einmal abgesagt werden. Schuld war eine fehlerhafte Verbindung der Treibstoffsensoren mit der Bordelektronik.
Erst am vergangenen Dienstag tauchte wieder ein Problem auf, Ingenieure entdeckten einen verbogenen Kühlschlauch. Er leckte nicht, musste aber in die korrekte Position gebracht werden. Sonst hätte die Kühlleitung durch Vibrationen beim Start Schaden nehmen können. Nach der Korrektur gab es erneut grünes Licht für den Start.
Die Verantwortlichen beim DLR und auch bei EADS in Bremen, wo „Columbus“ maßgeblich gebaut wurde, bleiben trotz aller Verzögerungen und Probleme gelassen. „Es stört das Projekt nicht, und die Verzögerungen sind der Sicherheit geschuldet. An Nummer eins steht die Sicherheit der Astronauten“, sagt Schütz.
