Das Fach gilt als Schrecken der Schüler, besonders Mädchen kommen schlecht mit ihm zurecht. Jetzt fordert die Wirtschaft eine erfolgreichere Mathematikvermittlung - damit wieder mehr Schüler technische Berufe wählen und so den Technologiestandort sichern.
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) wirbt für einen besseren Ruf des Schulfachs Mathematik. Foto: dpa.
BERLIN. Zum Auftakt des „Jahres der Mathematik“ fordert die Wirtschaft besseren Matheunterricht. Nur wenn das Angstfach seinen Schrecken verliert, kann der Nachwuchs für den Technologiestandort gesichert werden, mahnen Arbeitgeber und Industrie. Besserer Matheunterricht in Schulen und Hochschulen gilt auch als Schlüssel im Kampf gegen den Ingenieurmangel – aktuell das größte Personalproblem der Wirtschaft.
Das „Jahr der Mathematik“ 2008 soll nun „neue Begeisterung für Mathematik wecken – vor allem bei Kindern und Jugendlichen“, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) zum Auftakt. Wettbewerbe, Ausstellungen und unzählige Veranstaltungen des Ministeriums, der Telekom-Stiftung und der Aktion „Wissenschaft im Dialog“ sollen das Bild des Horrorfachs aufpolieren.
Es gilt jedoch, „dicke Bretter zu bohren“, sagte der Präsident der deutschen Mathematiker-Vereinigung, Günter Ziegler. „Weil heute eher schwächere Studenten das Lehramt wählen, etwas frustriert in die Schulen gehen und die Lehrerfortbildung eingeschlafen ist“, gelte es vor allem, Aus- und Fortbildung der Lehrer zu verbessern. Ziel muss ein „wesentlich praxisnäherer Mathematikunterricht sein“, fordert die Abteilungsleiterin Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Barbara Dorn.Generell mehr Unterricht in Mathe und Naturwissenschaften will der Präsident des Verbands der Informationswirtschaft Bitkom, August-Wilhelm Scheer. Heute entfielen auf diese Fächer in der Sekundarstufe I nur ein Fünftel des Unterrichts, „das sollte auf ein Drittel erhöht werden“. Zuletzt fehlten in der Wirtschaft nach Bitkom-Angaben rund 43 000 IT-Fachleute. Die Kanzlerin höchstselbst hatte kürzlich auf dem IT-Gipfel mit der Branche vereinbart, dass „Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik auf allen Stufen des Bildungssystems mehr Gewicht bekommen.“ In der Hand haben das allerdings die Länder.
Seit Jahren klagen Unternehmen über schlechte Mathe-Kenntnisse vor allem der Haupt- und Realschüler (siehe „Deutsche Schüler tun sich schwer mit Mathematik“). „Häufig fehlen einfachste Kenntnisse wie Prozent-, Zinsrechnung oder Dreisatz“, berichtet die Schulexpertin des DIHK, Berit Heintz. Das sei fatal, weil gerade in neuen IT-Berufen oder bei den Mechatronikern (Kombination aus Mechaniker und Elektriker) deutlich mehr Mathematik gefragt sei.
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Beim internationalen Schülertest Pisa haben sich die Deutschen in Mathe gerade mal auf den Durchschnitt hochgearbeitet. Auch die Pisa-Forscher fordern einen moderneren Unterricht , „realitätsbezogenere, intelligentere Aufgaben“. Sie hoffen auf die neuen bundesweiten Bildungsstandards der Kultusminister. Diese müssten von den Lehrern „aber auch verstanden und umgesetzt werden“. Dazu seien aber noch „breite Maßnahmen zur Lehrerfortbildung und Unterrichtsentwicklung nötig“.
Bei Abiturienten dämpft die Scheu vor Mathe das Interesse an Ingenieur- und Naturwissenschaften. Das ist ein Grund, warum derzeit 25 000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden können. Ein zweiter Grund ist, dass 30 bis 40 Prozent das Studium abbrechen. „In der Regel scheitern sie an der Mathematik“, sagt Mathematik-Didaktiker Professor Günter Törner von den Uni Duisburg. Schuld seien auch Kollegen, denen Mathe als Servicewissenschaft für andere Fächer als mindere Tätigkeit gilt, „zu der sie keine Lust haben“.
Die Arbeitgeber kritisieren das „Herausprüfen“ von Ingenierstudenten: „Durchfallquoten von 80 Prozent in Mathematik sind kein Qualitätsbeweis, sondern ein Armutszeugnis“. Auch müsse man fragen, ob in den neuen Bachelor-Studiengängen der Ingenieurwissenschaften „so viel knallharte Mathematik“ nötig sei.
Um zu verhindern, dass Ingenieur-Einsteiger an Mathe-Formeln verzweifeln, bietet etwa die Technische Uni Darmstadt (TUD) Stützkurse an und hat ein „Lernzentrum Mathematik“ eingerichtet. Trotz sehr unterschiedlicher Vorkenntnisse der Erstsemester plädiert TUD-Vizepräsident Alexander Martin jedoch nicht für mehr Mathe in der Schule, sondern für eine „Entschlackung der Lehrpläne“. Die ausufernde Kurvendiskussion in der Oberstufe sei nicht nötig und schrecke zudem Schüler ab. Die Universitäten selbst hätten jedoch „die Bringschuld“, den Schulen besser zu vermitteln, welches Rüstzeug nötig sei, um in verschiedenen Studiengängen bestehen zu können.
Deutsche Schüler tun sich schwer mit Mathematik
Tendenz abwärts Die verbreitete Klage über die schlechten Mathe-Kenntnisse deutscher Schulabgänger kann BASF konkret belegen: Seit 30 Jahren testet der Konzern Bewerber – die Ergebnisse werden von Jahr zu Jahr schlechter.
Bei Pisa nur Durchschnitt Bei Pisa 2006 schnitten die 15-Jährigen in Mathematik gerade mal auf dem Durchschnittsniveau der OECD-Länder ab, seit 2003 hatte es keinen Fortschritt gegeben. Besonders schwach ist der untere Rand: Fast ein Fünftel der Schüler löste nicht einmal einfachste Rechnungen. Länder wie Finnland, Kanada oder die Niederlande sind nicht nur insgesamt deutlich besser, auch die Risikogruppe ist dort deutlich kleiner als in Deutschland. Relativ groß ist hierzulande der Anteil sehr guter Schüler – wenn auch nicht so groß wie bei Pisa-Siegern.
Reserven bei den Mädchen Mädchen schneiden in Mathe fast weltweit schlechter ab als Jungen. In Deutschland ist die Kluft aber besonders groß.
