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22.10.2008 
Glastec Messe

Glas ersetzt Beton und Stahl

von Christian Raschke

Kuppeln, Fassaden, sogar Brücken aus Glas: In der modernen Architektur ist der transparente Baustoff inzwischen nicht mehr wegzudenken. Auf der Messe Glastec versucht die Branche, Architekten mit innovativen Konstruktionen zu überzeugen

Glas wird gerne als Baustoff eingesetzt, wie hier am Frankfurter Hauptbahnhof. Foto: dpaLupe

Glas wird gerne als Baustoff eingesetzt, wie hier am Frankfurter Hauptbahnhof. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Quarzsand, Asche, Kreide und Feuer. Auch heute noch sind die Zutaten zur Herstellung von Glas annähernd die gleichen wie schon 600 vor Christus in einem Rezept überliefert. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es allerdings nicht. Moderne Gläser sind Werkstoffe aus mehreren Schichten, verbunden mit Folien, Klebstoffen und Harzen sowie mit gas- und gelgefüllten Innenräumen. Bruchsicher und hitzebeständig wie Betonwände und Stahltüren, selbstreinigend und elektrisch schaltbar wie die Branche vom 21. bis 25. Oktober auf der Glasstec in Düsseldorf zeigt.

In Halle 11 zum Beispiel scheint es fast so, als würde der Besucher zwischen zwei Podesten schweben. Nur ein schmales glänzendes Band unter seinen Füßen lässt erkennen, dass er gerade über eine Brücke geht. Die Glasbrücke, die der Spezialglashersteller Seele zusammen mit dem Institut für Baukonstruktion der Universität Stuttgart entwickelt hat, besitzt eine Spannweite von sieben Metern. Im Gegensatz zu dem spektakulären Grand Canyon Skywalk, einer weit über die Schlucht hinausragende Aussichtsplattform mit Geländern und Bodenplatten aus Glas, kommt sie komplett ohne tragende Materialien wie Holz, Stahl und Beton aus. Das Glas trägt sich selbst.

Möglich ist das, dank einer neuen Fertigung: Der Boden der Brücke besteht aus mehreren, nur wenige Millimeter dicken Scheiben, die bei Zimmertemperatur in Form gebracht und durch eine spezielle Laminiertechnik miteinander verklebt wurden. Derart verbunden trägt die 3,7 Zentimeter dicke und 1,7 Tonnen schwere Scheibe eine Last von bis zu 7,2 Tonnen.

„Bisher hat sich keiner getraut Glas bei Zimmertemperatur so zu verformen und dann zu verkleben. Gebogene Scheiben wurden immer bei starker Hitze in Form gebracht“, erläutert Stefan Behling, Architekturprofessor und Leiter des Stuttgarter Instituts für Bautechnik. Zusammen mit seinem Team war Behling als Partner von Seele für die wissenschaftliche Arbeit bei der Entwicklung der Kaltbiegetechnik zuständig.

Im Gegensatz zu warm gebogenem Material, sei Glas, das kalt gebogen und laminiert wurde wesentlich stabiler, so der Experte. Das eröffne Architekten völlig neue Möglichkeiten. Als Anwendungsgebiete nennt Behling große Kuppeln und gebogene Fassaden, die ohne aufwändige Stahlkonstruktionen auskommen. Erstmals wurde das Spezialglas beim Umbau des Straßburger Hauptbahnhofs verwendet. Seit 2007 überspannt eine gläserne Kuppel aus 400 Tonnen und 6 000 Quadratmeter kalt gebogenem Glas den historischen Bau aus dem 19. Jahrhundert.

Doch moderne Fertigungsmethoden ermöglichen nicht nur neue kreative Möglichkeiten für Architekten und Planer, sie erweitern auch die funktionellen Eigenschaften von Glas. So erobern laminierte Verbundgläser inzwischen Einsatzbereiche, an denen bisher nur Stahl und Beton verbaut wurden. Gleich mehrere Hersteller wie Hi-Tec-Glas Grünenplan und Innoverre stellen auf der Glasstec Träger und Säulen aus Glas vor, die eine vergleichbare Tragkraft wie klassische Materialien aufweisen und tonnenschwere Lasten aufnehmen können ohne Zugeständnisse an die Sicherheit zu machen.

„Verbundglas verhält sich völlig anders, als eine Wasserflasche die herunter fällt und zerbricht“, erklärt Behling. So könne man mit Gewalt ein Loch in ein Laminat aus Glas schlagen, an der Tragfähigkeit des Bauteils ändere das jedoch nichts. Das Reizvolle an neuen Glaswerkstoffen werde in Zukunft sein, mit weniger Material mehr zu bauen, schwärmt Behling. Neben den neuen Verbundgläsern sind in Düsseldorf selbstreinigende Fassadenelemente, Brandschutzwände aus Glas und elektrisch schaltbare Trennwände für Innenräume zu sehen, die sich auf Knopfdruck von Klarsicht auf milchig trüb schalten lassen und so Rollos und Vorhänge in Büros und Konferenzräumen überflüssig machen.

Laut Angaben des Bundesverbandes Glasindustrie hat die Branche im Jahr 2007 mit einem Plus von 11,9 Prozent und einem Umsatz von 8,55 Mrd. Euro das größte Wachstum seit der Wiedervereinigung erzielt. Für 2008 rechnet der Verband trotz Finanzkrise immerhin noch mit einem Wachstum von knapp fünf Prozent.

Vor allem mit den neuen Glastechniken hofft die Branche, zusätzlichen Umsatz generieren zu können. Damit das gelingt, hat Glasspezialist Schott als erster Anbieter sein Know-how in einem neuen Unternehmensbereich gebündelt. Das Ziel: Spezialisten aus verschiedenen Produktbereichen sollen bereits im Vorfeld von Bauprojekten zusammen mit Architekten nach neuen konstruktiven Glaslösungen zu suchen, wie der neue Schott-Bereichsleiter Patrick Coppée erläutert.

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