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04.01.2007 
Diagnose Intersexualität

Leben zwischen Mann und Frau

von Heike Stüvel

Pro Jahr werden in Deutschland bis zu 160 Kinder als Zwitter geboren. In der Vergangenheit versuchte man, den Betroffenen vor allem mit chirurgischen Korrekturen zu helfen - für eine Forschergruppe aus Hamburg und Lübeck das falsche Vorgehen. Die Mediziner setzen auf einen offenen Umgang mit der Diagnose Intersexualität und beraten die Eltern in Erziehungsfragen.

HAMBURG. "1956 kam ich als typisches Mädchen zur Welt und bin auch so aufgewachsen und sozialisiert worden", erzählt Freya Jung. "Ich hatte zwar nie das Gefühl des Andersseins, kloppte mich aber gerne mit den Jungen auf dem Schulhof." In der Pubertät änderte sich Freyas Leben schlagartig. Zwar wuchs ihre Brust, aber die anderen Anzeichen des Frauseins, die Schambehaarung und die Regel blieben aus. Ihre Mutter ging mit ihr zum Frauenarzt, doch der sagte ihr nichts. Sie fühlte sich zunehmend isoliert. Ihre Probleme waren aber nicht mehr zu ignorieren. Nach einer Bauchspiegelung sagte man ihr, dass ihre Gebärmutter nicht richtig ausgeprägt sei und sie keine Kinder bekommen könnte. Dennoch heiratete sie mit 21 Jahren und hatte mit ihrem Mann Sexualverkehr, der allerdings auf Grund ihrer zu engen und kurzen Scheide oft sehr schmerzhaft war. Bald setzten starke Blutungen ein, worauf Freya sofort ins Krankenhaus ging, in der Hoffnung, doch schwanger zu sein.

Hier begann ihr Trauma. Freya wurde 14 Tage lang von 27 Ärzten vaginal und rektal untersucht und katalogisiert. Dann eröffnete man ihr: Sie sei ein Mann. Freya habe Embryonalhoden (Keimdrüsen), die das Dreifache des männlichen Sexualhormons Testosteron produzierten wie bei einem "normalen" Mann. Freya fühlte sich als Monster. Man sagte ihr, die Hoden müssten entfernt werden, da durch sie Krebs entstehen könnte. Nach der Operation erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Erst eine Selbsthilfegruppe und eine Hormonersatztherapie mit dem weiblichen Sexualhormon Östrogen ließen sie sich wieder als zufriedener Mensch fühlen.

"Ungefähr einer von 8 000 bis 10 000 Menschen ist in Deutschland intersexuell geprägt. Wobei 100 bis 160 im Jahr dazukommen, bei denen es gleich bei der Geburt erkannt wird", sagt Professor Olaf Hiort, Sprecher der klinischen Forschergruppe "Intersexualität" an der Uni Lübeck.

Am Anfang sind wir alle Zwitter: Bis zur sechsten Woche tragen alle Feten Anlagen für beide Geschlechter. Erst danach prägen die Gene ein männliches oder weibliches Wesen. Ein XY-Chromosomenpaar lässt Hoden, später den Penis wachsen, ein XX führt zu Eierstöcken und Klitoris. Doch auf dem Weg vom "neutralen" Fötus zu Frau oder Mann kommt der Natur manchmal etwas dazwischen. Chromosomen fehlen oder sind überzählig, Enzyme versagen, Hormone fallen aus. Ärzte zählen Dutzende Störungsbilder.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Sammelbegriff "Intersexualität" umfasst eine Vielzahl von Diagnosen.

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