Frachtschiffe tragen nicht nur Güter über die Weltmeere, sondern auch Ballastwasser. Mit ihm wandern Tausende Organismen um den Globus: Bakterien, Quallen, Fisch- und Krebslarven – für andere Ökosysteme kann das fatale Folgen haben. Deswegen ist die Reinigung von Ballastwasser Pflicht. Mit einer Technik aus Hollenstedt können Schiffsbetreiber ungebetene Gäste herausfischen.
Containerschiff auf hoher See: Im Ballastwasser von Frachtschiffen reisen Tausende Organismen um den Globus. Foto: PR
HAMBURG. Mitte der 80er-Jahre etwa tauchte plötzlich die nordamerikanische Rippenqualle Mnemiopsis im Schwarzen Meer auf. Sie vermehrte sich explosionsartig und nahm den Fischen die Lebensgrundlage – das Plankton. Die Fischbestände brachen ein. 2006 sichteten Forscher die Qualle auch in Nord- und Ostsee. Niemand kann absehen, welche Folgen sie für den heimischen Fischbestand haben wird.
Im Jahr 2004 schritt die Internationale Schifffahrtsbehörde (IMO) ein: Sie machte die Reinigung von Ballastwasser zur Pflicht. Alle Neubauten müssen ab dem nächsten Jahr je nach Ballastwassermenge schrittweise eine Filteranlage installieren.
Für die Hersteller hat ein Wettlauf um die beste Ausgangsposition begonnen. Inzwischen gibt es Dutzende Anlagenkonzepte. Nur zwei aber erfüllen bisher die IMO-Anforderungen und erhielten das „Final Approval“, eine Art internationale Betriebserlaubnis. Neben einer schwedischen Anlage im vergangenen Jahr erhielt im April der Hersteller Hamann aus Hollenstedt bei Hamburg grünes Licht.
Die Technik der Norddeutschen ist dabei dem schwedischen Konzept voraus. Denn der Betriebserlaubnis folgt in der Regel eine lange Testphase, in der sich der Prototyp im Alltagseinsatz auf einem Schiff bewähren muss. Die Hollenstedter haben die schon hinter sich. Jetzt muss nur noch die deutsche Behörde, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, die Genehmigung erteilen.
Dass die Firma die Konkurrenzüberflügeln konnte, liegt daran, dass sie das Problem frühzeitig erkannt hat. Schon 2001 begann der Hersteller von Schiffskläranlagen mit der Entwicklung eines Ballastwasserreinigers. Dieser erfüllt nun die IMO-Vorgaben spielend: Demnach muss eine Anlage die Organismen so gut herausfiltern, dass beispielsweise von 100 000 Kleinlebewesen am Ende höchstens zehn in einem Kubikmeter Wasser schwimmen bleiben.
Hamann hat dafür die dreiteilige „Sedna“-Anlage (Safe Effective Deactivation of Non-indigenous Aliens) entwickelt. Diese reinigt das Wasser, bevor es Pumpen in die Ballasttanks leiten. Zunächst fließt es in sogenannte Zyklonen, die das Wasser in Rotation versetzen. Die Fliehkräfte pressen die Organismen an die Zyklonwand, wo sie wieder von Bord gepumpt werden. Dann fließt das Wasser durch einen Filter mit einer Maschenweite von 50 Mikrometern, der weitere Lebewesen auffängt.
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Doch damit nicht genug: Bevor das Wasser in die Ballasttanks gelangt, tötet in einer dritten Reinigungsstufe eine Chemikalie die restlichen Organismen ab. Zum Einsatz kommt dabei eine von Evonik Degussa maßgeschneiderte Mischung aus Wasserstoffperoxid und Peressigsäure, die sich biologisch abbaut.
Das dreistufige Konzept hat noch weitere Vorteile. Der Zyklon beispielsweise hole auch jene feinen Sedimentpartikel aus dem Wasser, die den Filter sonst ungehindert passierten, sagt Mathias Voigt, Vorstand bei Hamann. „So sammeln sich im Ballasttank gewöhnlich große Mengen Schlamm, die man regelmäßig mit viel Aufwand entfernen und teuer entsorgen muss.“ Ein weiterer Vorteil ist der Zeitgewinn. Da die Anlage das Ballastwasser schon bei der Aufnahme komplett reinigt, muss ein Schiff nur einmal die Pumpen anwerfen. Um die Tanks zu entleeren, braucht der Kapitän nur die Luken zu öffnen und das Wasser ausströmen zu lassen. Andere Anlagen reinigen doppelt: bei Wasseraufnahme und -abgabe. Das kostet Energie und Zeit.
Die Hamann-Lösung kann 250 Tonnen Wasser pro Stunde filtern. Ist mehr gewünscht, lassen sich im Baukastensystem Module hinzukaufen. Das ist gerade für Ozeanriesen ein Muss: Immerhin pumpt schon ein mittelgroßes Containerschiff pro Stunde spielend 1000 Tonnen in seine Tanks.
Auch das Hamburger Gutachterbüro Go-Consult hat die Anlage getestet und für gut befunden. „Dank der effektiven mechanischen Reinigung durch Filter und Zyklon muss man am Ende nur wenig Chemie einsetzten – für die Betreiber ist das ein wichtiger Kostenvorteil“, sagt Geschäftsführer Stephan Gollasch.
Etwa 40 000 Handelsschiffe dampfen derzeit über die Ozeane, jährlich kommen fast 1 000 hinzu. Vom nächsten Jahr an sollen nach dem Willen der IMO zunächst kleinere Neubauten Ballastwasserreiniger bekommen. Dann folgen schrittweise die größeren Schiffe. Für die kleine Firma aus Hollenstedt könnte das einen riesigen Markt bedeuten. Schon 2009 soll die Produktion der Anlagen beginnen.
