Surfer gelten als eher entspannte Zeitgenossen. Doch einige sehen jetzt ihr Paradies vor der Küste Großbritaniens bedroht: Mit Wellenkraftwerken soll dort aus der Naturkraft Strom erzeugt werden. Überhaupt erscheinen die Gewässer rund um das Königreich als aussichtsreiche Reviere für Wasserkraft – und es konkurrieren bereits die ersten Energieerzeuger.
Diese Windkraftanlage vor der Küste Schottlands bekommt bald Gesellschaft: Wellenkraftwerke arbeiten berechenbarer.
LONDON. Wellen sind gespeicherter Wind. Je länger sie über den Atlantik laufen, bevor sie im Norden Cornwalls auf die britische Küste treffen, desto mehr Energie haben sie. Wer wüsste das besser als die Surfer von St. Agnes Head. Doch jetzt soll 15 Kilometer vor dem weltberühmten Strand die größte „Wellenfarm“ der Welt entstehen – und die Surfer sehen ihr Paradies in Gefahr. „Auch wenn die Wellen tatsächlich nur fünf Prozent kleiner sind, könnten sie ‚unsauber’ werden, und das ist für uns inakzeptabel“, sagt der Ingenieur und Surfer John Baxendale. Er sieht Cornwalls „Surfing Ökonomie“ in Gefahr.
Dafür sehen visionäre Unternehmer den Küstenabschnitt bereits als künftiges Mekka der umweltfreundlichen Stromerzeugung aus Wasserkraft. Mit 21,5 Mill. Pfund öffentlicher Förderung wird auf dem Meeresboden eine gigantische „Steckdose“ gebaut, die „Wave Hub“, in die sich Wellenkraftgeneratoren verschiedener Firmen einstöpseln werden. Über ein Kabel sollen sie schon bald 20 Megawatt Strom aufs Festland schicken – drei Prozent des Verbrauchs von Cornwall.
Zu den Visionären zählt auch Jason Bak, der Chef der in Kanada börsennotierten Energiefirma Finavera: „Die Zeit der Energie aus dem Ozean ist gekommen“, schwärmte er jüngst einem Ausschuss des US-Kongresses vor. „Das sind keine Luftschlösser.“ Feierlich versprach er, mit seinem Unternehmen schon bald „große Mengen sauberer Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen“ zu liefern – sofern die Regierung durch eine feste Einspeisevergütung sicherstelle, dass sich die Investitionen auch lohnen.
Tatsächlich ist das Meer eine fast unerschöpfliche Energiequelle. Wellen sind weniger wechselhaft als der Wind, Wetterfrösche können sie drei Tage im Voraus prognostizieren, und „das lieben die Stromversorger“, erklärt Max Carcas, Entwicklungschef der Firma Ocean Power Delivery (OPD) aus Edinburgh, die 70 Mitarbeiter beschäftigt. Laut dem britischen Carbon Trust gibt es genügend „praktikable“ Standorte rund um die Insel, um 20 Prozent des Strombedarfs des Landes zu decken. Allein Schottland könnte jährlich rund 80 Terrawattstunden Strom aus dem Meer erzeugen, schätzt die Marine Energy Group der Edinburgher Regierung – rund ein Viertel des jährlichen Stromverbrauchs im Vereinigten Königreich. So wie Dänemark das Mekka der Windenergie ist, soll Schottland einmal das gelobte Land der Wellenenergie werden.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wellenkraftwerke mit dem Potential, ein Viertel des britischen Stromverbrauchs zu decken
Das Problem ist, die Kraft der Wellen oder der Gezeiten nutzbar zu machen. Als die Regierung in Edinburgh im Februar in einer weiteren Förderrunde 13 Mill. Pfund verteilte, teilten sich nicht weniger als neun verschiedene Systeme den Kuchen. Alle sollen in der Wiege der Wellenenergie, dem European Marine Energy Centre auf den Orkney Inseln, getestet werden.
4,1 Mill. Pfund Fördermittel erhielt eine neue Tochter von Scottish Power. Sie soll schon im Herbst ein Drei-Megawatt-Kraftwerk ans Netz bringen. Zum Einsatz kommt dabei die von Ocean Power Delivery entwickelte „Pelamis“, eine „Seeschlange“ aus Stahlzylindern, die die Wellenbewegung über Scharniergelenke, Hydrauliksysteme und Generatoren in elektrische Energie umwandelt. Auch am „Wave Hub“ in Cornwall soll „Pelamis“ mit einer Fünf-Megawatt-Anlage zum Zuge kommen, die unter anderen von Eon finanziert wird. Ebenfalls gefördert wurde die „Archimedes Wave Swing“ von AWS Ocean Energy, eine 600 Tonnen schwere Boje mit einem Megawatt Leistung. Hier wird die Wellenbewegung genutzt, um mit komprimierter Luft eine Turbine anzutreiben. Andere Systeme nützen Tidenströme.
Bis Praxistests Auskunft über Robustheit, Effizienz und das Preis-Leistungs-Verhältnis der verschiedenen Konkurrenzmodelle geliefert haben, halten sich viele Investoren aber noch zurück: „Es wird wohl mindestens zehn Jahre dauern, bis wir wissen, was bei der Wellenenergie das Äquivalent zum heutigen Windgenerator mit drei Rotorblättern sein wird“, mahnt David Jones, Chef von Allianz Specialized Investments, zur Geduld. Risikokapitalgeber und industrielle Geldgeber sind da schon mutiger: Ihre Investitionsaktivitäten haben sich in den letzten Monaten spürbar beschleunigt. So übernahm Finavera im Sommer 2006 die britische Aquaenergy Group mitsamt ihrer „Aquabuoy“-Technologie für vier Mill. Dollar. Und Ocean Power Delivery, die mit der „Pelamis“ das kommerziell am weitesten entwickelte System auf dem Markt hat, konnte im Februar bei einer Investorenrunde 13 Mill. Pfund einsammeln – unter anderem ist General Electric beteiligt.
Finavera-Chef Bak blickt schon weit in die Zukunft. Obwohl der kommerzielle Prototyp seiner „Aquabuoy“ in Oregon noch gar nicht gebaut ist, plant der Unternehmer bereits Wellenkraftwerke in Kanada, Portugal und Südafrika.
Er ist überzeugt, dass die Anbieter künftig mit verschiedenen Wellenenergie-Systemen um Marktanteile kämpfen werden. Wie beim Kampf der Videoformate VHS und Betamax werde nicht unbedingt die bessere Technologie gewinnen, sondern jene, die am schnellsten auf dem Markt sei – oder auf dem Meer.
