Der Fall hat das Klima zwischen der Pharmabranche und Sawicki vollends vergiftet. Der Vorwurf der Pharmabranche: Sawicki und sein Institut zielten allein darauf ab, neue, teurere Medikamente abzuschmettern, um die gesetzlichen Krankenkassen finanziell zu schonen - zum Schaden der Versicherten, denen Medikamente vorenthalten würden. Von "verbesserten Lebensaussichten nur für Selbstzahler" spricht etwa Steffen Wahler, Chef der Gesundheitsökonomie beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller.
Die Pharmalobby übt auch Druck aus auf Gutachter, die für das IQWiG Studien sichten und bewerten. Inzwischen hat Sawicki nach eigener Darstellung Mühe Experten zu finden, die unabhängig sind und auch bereit, ihre Verbindungen in die Industrie offenzulegen, um Interessenkonflikte auszuschließen. Zuwendungen von Pharmaunternehmen bekommen viele Forscher, da sie für ihre Arbeit mehr denn je auf Drittmittel angewiesen sind.
Die Konsequenzen der Gutachten wiegen schwer - denn schnell geht es um dreistellige Millionenbeträge. Deshalb ist derzeit auch Sanofi-Aventis, das drittgrößte Pharmaunternehmen der Welt mit knapp 10 000 Beschäftigten allein in Deutschland, schlecht auf das Kölner Institut zu sprechen. Mehrere Medikamente des Unternehmens wurden vom IQWiG schlecht beurteilt. "Die erwecken bewusst den Eindruck, alle unsere neuen Medikamente aus unserer Forschung hätten keinen Zusatznutzen, bis auf geringfügige Ausnahmen", klagt Heinz-Werner Meier, Vorsitzender der Geschäftsführung von Sanofi-Aventis Deutschland. Das Institut habe offensichtlich vor, "bevorzugt ältere Medikamente zu empfehlen, als sei die Forschung vor langer Zeit stehengeblieben." Zu den Vorwürfen sagt GBA-Chef Hess: "Herr Sawicki ist der Prellbock für die Pharmaindustrie."
Sanofi-Aventis erwartet als Deutschlands größter Hersteller von Insulin die bevorstehende Entscheidung des IQWIG zu den sogenannten langwirksamen Insulinanaloga mit einiger Sorge. Mit dem betroffenen Produkt Lantus macht das Unternehmen weltweit rund zwei Milliarden Euro Umsatz. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz gar um 40 Prozent, alleine in Deutschland setzt das Unternehmen weit über 100 Millionen Euro mit Lantus um.
"Die ganze Welt reißt sich um das Medikament, das in Deutschland erfunden wurde. Falls es das IQWiG tatsächlich fertigbringt, dieser Spitzeninnovation keinen Zusatznutzen zu bescheinigen, erledigt sich das Thema Forschung in Deutschland bald von alleine", droht Meier. Immerhin sei der Standort Frankfurt einer der weltweit größten Produktionsstandorte für Insulin. Zudem hingen mehr als 1500 Arbeitsplätze hierzulande an der Insulinproduktion.
Nahezu unversöhnlich stehen sich derzeit die beiden Positionen gegenüber. Es geht schließlich auch um Grundsätzliches - die Frage, wer die Hoheit über die Bewertung von Arzneimitteln und Therapien hat. Entweder entscheidet allein der Arzt, der zwischen vielen verschiedenen Mitteln wählen kann, die alle durch Zulassungsbehörden genehmigt sind. Oder es entscheidet der Staat oder ein staatsnahes Institut wie das IQWiG.
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