Beides ist keine Ideallösung. Überlässt man die Entscheidung den Ärzten, besteht die Gefahr, dass eher ein geschicktes Pharmamarketing als der Nutzen der Medikamente bestimmt, was verschrieben wird. Entscheidet hingegen ein staatliches oder staatsnahes Institut, besteht die Gefahr, dass auch nach Kassenlage entschieden wird. Eine Rationierung durch die Hintertür.
Bisher herrschten in Deutschland für die Pillenhersteller paradiesische Zustände. "Deutschland ist das einzige Land, in dem die Pharmaindustrie ihre neuen Medikamente zu fast jedem von ihr selbst bestimmten Preis auf Kassenkosten in den Markt drücken kann", sagt GBA-Chef Hess. Und Sawicki formuliert das so: "Die pharmazeutische Industrie betrachtet Deutschland als Selbstbedienungsladen."
Der Blick über die Grenze zeigt: Die Verantwortlichen der Gesundheitssysteme anderer Länder stellen die Medizin, die sie ihren Versicherten geben, in ähnlicher Weise auf den Prüfstand. Australien begann schon 1987, den Nutzen von Medikamenten zu bewerten. 1994 folgten Kanada und die Schweiz, später die Niederlande, Finnland, Frankreich, Neuseeland und Österreich. Seit vier Jahren berät das unabhängige britische National Institute for Health and Clinical Excellence Medikamente (Nice) das staatliche Gesundheitswesen NHS. Zu Beginn seiner Arbeit war das Nice ähnlich umstritten wie das deutsche IQWiG. Heute zählt es dank verständlicher Kriterien auch im Urteil der Pharmabranche zu den angesehenen Instituten.
Dabei fällt das Nice immer wieder heikle Entscheidungen. So urteilte es noch im Sommer vergangenen Jahres, die neuen Darmkrebsmittel Erbitux von Merck und Avastin von Roche böten zu wenig Nutzen, um zusätzliche Therapiekosten von 26 000 Euro im Jahr zu rechtfertigen. Die Medikamente, so kritisierten die Gutachter, verlängerten das Leben der Patienten im Vergleich zu Chemotherapien "nur" um 1,7 (Erbitux) und 4,7 Monate (Avastin).
In Australien darf ein statistisch gewonnenes Lebensjahr pro Jahr maximal 25 000 Euro kosten. In Neuseeland liegt die Summe gar bei nur 10 500 Euro.
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