Die Esa sucht Verstärkung für ihr Astronautenteam. Gerhard Thiele weiß, was auf Bewerber zukommt. Elf Tage lang war er mit dem Shuttle Endeavour im All, heute leitet er die Esa-Astronautenabteilung in Köln. Im Interview beschreibt der promovierte Physiker den Alltag im Weltraum - und erklärt, welche Hürden auf künftige Raumfahrer warten.
Gerhard Thiele flog mit der Endeavour ins All. Heute leitet er das Astronautenteam der Esa. Foto: rtr
Sie waren selber im All. Vermissen Sie den Weltraum?
Ja, schon. Jeder, der im All gewesen ist, würde natürlich auch gerne zurück. Ich würde sicher nicht Nein sagen, wenn man mir eine weitere Gelegenheit anbieten würde.
Werden Sie denn noch einmal ins All fliegen?
Eine theoretische Chance gibt es natürlich: Ich bin noch voll qualifiziert und halte mich auch medizinisch entsprechend tauglich. Aber die Anzahl der Fluggelegenheiten ist nicht so gross. Und man muss sehen, dass gerade erst mit Hans Schlegel ein deutscher Astronaut zurückgekehrt ist. Da sind die Aussichten für einen Deutschen derzeit nicht so günstig. Ich will also nicht völlig ausschließen, noch einmal ins All zu fliegen, aber es ist nicht gerade wahrscheinlich.
Kommen wir zur aktuellen Esa-Kampagne. Welche Voraussetzungen muss ich haben, um mich als Astronaut zu bewerben?
Die wichtigste Voraussetzung ist der richtige berufliche Hintergrund: Entweder eine Wissenschafts- oder Ingenieurlaufbahn oder aber Berufserfahrung als Testpilot. Und natürlich reicht ein Hochschulabschluss allein nicht aus. Wir suchen Menschen, die sich schon bewiesen haben, die Berufserfahrung mitbringen.
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Und vermutlich schicken Sie auch nicht unbedingt Germanisten zur ISS?
Das ist richtig. Germanisten, Historikern oder Juristen stehen bei der Esa andere Möglichkeiten offen als das Astronautenprogramm. Für den Flug ins All benötigen wir Bewerber, die naturwissenschaftlich-technisch vorgebildet sind und mindestens drei Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Wer seine besondere Qualifikation durch einen weiteren akademischen Grad, etwa eine Doktorarbeit, nachgewiesen hat, erhöht damit natürlich seine Chancen.
Welche gesundheitlichen Anforderungen stellen Sie an Bewerber?
Wer Astronaut werden möchte, muss einen sehr guten allgemeinen Fitnesslevel haben. Unsere Mediziner haben einen umfangreichen Testkatalog erstellt. Wobei ich aber gleich mit einem Vorurteil aufräumen möchte: Wir suchen keineswegs den absoluten Hochleistungssportler.
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Was passiert, wenn ich meine Bewerbung eingereicht habe?
Zunächst muss der Interessent zusammen mit seiner Bewerbung ein medizinisches Zeugnis seiner Flugtauglichkeit einreichen – genau wie bei jeder normalen Pilotenausbildung. Ohne einen solchen Nachweis ist eine Bewerbung zwecklos.
Die Bewerbung selbst erfolgt über das Internet. Dort muss ein Fragebogen ausgefüllt werden, den wir sehr sorgfältig auswerten. Auf der Basis dieser Auswertung wählen wir etwa 1000 Kandidaten aus. Diese durchlaufen ein umfangreiches medizinisches und psychologisches Testprogramm. Letztlich bleiben etwa 40 Personen übrig, die dann das normale Bewerbungsverfahren der Esa durchlaufen. Am Ende wird der Generaldirektor seine Auswahl aus etwa 25 hoch qualifizierten Bewerbern treffen.
Bislang war erst eine Frau für die Esa im All. Ist das Esa-Astronautenteam eine reine Männerveranstaltung?
Keineswegs. Wir würden es sogar sehr begrüßen, wenn mit der neuen Bewerbungsrunde auch Frauen ins Astronautenteam kämen.
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Gibt es Unterschiede im Training für Männer und Frauen?
Nein. Natürlich gibt es einige Unterschiede bei den medizinischen Untersuchungen, aber das Astronautentraining selbst ist für Frauen und Männer gleich.
Fliegt jeder der ausgewählten Astronauten auch wirklich ins All?
Diese Zusage können wir natürlich nicht geben. Aber es ist das erklärte Ziel der Esa, dass jeder fliegt – und bislang ist auch noch jedes Mitglied des Esa-Astronautenteams ins All geflogen. Es hat mitunter lange gedauert bis zum ersten Flug – im Schnitt etwa sieben Jahre. Das hatte aber nichts mit der Qualifikation der Bewerber zu tun, sondern war auch äußeren Faktoren geschuldet. Nach der Columbia-Katastrophe 2003 etwa sind eine Zeit lang gar keine Shuttles mehr geflogen. Und natürlich können wir nicht ausschließen, dass sich der Gesundheitszustand eines Astronauten während der Wartezeit so verschlechtert, dass er nicht mehr flugtauglich ist. Aber generell gilt: Wer ausgewählt wurde, das Training durchlaufen hat und fliegen möchte, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch ins All fliegen.
Sitzen Esa-Astronauten mitunter auch am Steuer einer Sojus oder eines Shuttles?
Nein. Hier haben Russen und Amerikaner klare Regeln. Kommandant einer russischen Sojus-Kapsel kann immer nur ein russischer Staatsangehöriger sein, ein Shuttle wird stets von US-Amerikanern gelenkt. In der Vergangenheit war die russische Seite da etwas offener: So hat Esa-Astronaut Thomas Reiter etwa die Berechtigung, eine Sojus-Kapsel zu führen. Inzwischen hat die russische Raumfahrtbehörde diese Regeln aber geändert.
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Wie sieht der Alltag eines Astronauten im All eigentlich aus?
Das hängt natürlich davon ab, ob es sich um eine relativ kurze Mission, etwa einen Shuttle-Flug handelt, oder ob die Astronauten längere Zeit im All sind, zum Beispiel als Langzeitbesatzung auf der Raumstation ISS. Aus meiner eigenen Erfahrung an Bord des Shuttles Endeavour kann ich sagen, dass der Arbeitsplan bei einer kurzen Mission sehr dicht ist. Buchstäblich jede Minute, die nicht mit Schlafen oder Essen verbracht wird, ist für Arbeit verplant. Bei einer längeren Mission ist der Tag natürlich auch mit Arbeit vollgepackt, die Astronauten haben aber etwas mehr Freiraum bei der Entscheidung, welche Arbeit sie zu welchem Zeitpunkt in Angriff nehmen.
Gibt es bei so viel Arbeit in der Enge des Raumschiffs und unter den besonderen Stressfaktoren des Weltraums nicht gelegentlich Streit unter den Astronauten?
Es gibt verschiedene Faktoren, die bei der Stressbewältigung helfen. Zunächst einmal versuchen wir von vornherein, Menschen für den Astronautenberuf auszuwählen, die eine geringere Neigung zu aggressivem Verhalten zeigen als der Durchschnitt. Auch dabei sind die psychologischen Tests während des Bewerbungsverfahrens hilfreich. Dann das Training selbst: In den 18 Monaten vor einer Mission trainiert die künftige Crew gemeinsam und verbringt auch sonst viel Zeit miteinander. Ich habe in diesen 18 Monaten meine Missionskollegen buchstäblich häufiger gesehen als meine Frau und meine Kinder. Dadurch entsteht der nötige Teamgeist für die Mission, man lernt Stärken und Schwächen des anderen so kennen, dass man im All Konflikte weitgehend vermeiden kann.
Der Mond ist wieder ins Visier der Raumfahrer gerückt, die Amerikaner planen bemannte Missionen zum Erdtrabanten. Könnte einer der Astronauten aus der jetzt anlaufenden Kampagne der erste Europäer auf dem Mond werden?
Es stimmt, die Amerikaner setzen wieder stärker auf Exploration, und wir gehen davon aus, dass es ein Programm für bemannte Mondlandungen um das Jahr 2020 geben wird. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich die Europäer und andere Raumfahrtnationen an einem solchen Programm beteiligen. Und man kann sich leicht ausrechnen, dass die Astronauten, die heute ausgewählt werden, bei einem Mondflug im Jahr 2020 noch immer im besten Astronautenalter sind. Ja, ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass unter den heutigen Bewerbern die erste Europäerin oder der erste Europäer auf dem Mond sein wird.
Der Weg ins Astronautenteam:
Die Bewerbung für das Esa-Astronautenteam erfolgt ausschließlich über das » Internet
Interessenten müssen sich vorab von einem Mediziner die Flugtauglichkeit bescheinigen lassen. Ein entsprechendes Zeugnis muss mit der Bewerbung hochgeladen werden.
Start der Bewerbungsfrist: 19. Mai
Dauer: 4 Wochen
