03.05.2006

Psychologie: Comeback des Unbewussten

Sigmund Freud etablierte die Psychologie in der Gesellschaft. Doch was bleibt heute vom Wiener Nervenarzt und wo steht das Fach Psychologie im Freud-Jahr, anlässlich seines 150. Geburtstages?

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von Kerstin Schneider

BERLIN. Die Berggasse 19 ist eine der berühmtesten Adressen Wiens. Dort lebte und praktizierte der Nervenarzt Sigmund Freud. 47 Jahre lang, bis der Pionier der Psychoanalyse 1938 vor den Nationalsozialisten ins Exil nach London flüchten musste. Verdrängung, die Macht der Sexualität, der Ödipuskomplex, das Unbewusste, die Bedeutung der Kindheit für die Psyche - fast alle seine Entdeckungen sind in die Alltagssprache eingegangen.

Freuds Psychoanalyse ist in der Psychologie, die sich mit dem Verhalten und Erleben des Menschen befasst, nur ein Theorie- und Therapiesystem unter vielen. Doch seine Schriften wurden und werden in aller Welt gelesen. Und sie waren immer auch bei einem psychologischen Laienpublikum populär. So hat Freuds revolutionärer Blick auf die menschliche Psyche dazu beigetragen, dass die Psychologie heute in allen Bereichen der Gesellschaft eine Rolle spielt.

In jeder Talkshow wird ein Psychologe um Rat gefragt, jede Katastrophe in der westlichen Welt ruft Trauma-Experten auf den Plan. Es gibt kein internationales Unternehmen, in dem nicht Arbeits- und Organisationspsychologen eingesetzt würden. Der glänzende Stilist Freud war von immenser literarischer Produktivität. In der wissenschaftlichen Psychologie ist diese Fülle der Thesen, Theorien und Begriffe eher ein Hindernisgrund für seine Reputation.

Was bleibt heute von Freud? Und wo steht das Fach Psychologie im Freud-Jahr? Deutlich ist die Dominanz der klinischen Psychologie. 60 Prozent aller Studenten, die Psychologie studieren, wollen später therapeutisch arbeiten. Große Bedeutung erhält auch die Arbeits- und Organisationspsychologie.

Viel spektakulärer sind heute interdisziplinäre Annäherungen, die nicht jedem Psychologen behagen. Wolfgang Prinz, der mit seinen provokanten Thesen zur Willensfreiheit des Menschen bekannt wurde, hat am Max-Planck für Kognitions- und Neurowissenschaften-Institut in Leipzig die Verbindung der Psychologie mit den Neurowissenschaften vollzogen. "Manche Psychologen sind skeptisch, weil sie die Individualität ihres Faches in Gefahr sehen", sagt Prinz. Er hält dagegen, dass mit den Methoden der Neurowissenschaften, die die Funktionsweise der Nervensysteme erforschen, psychologische Verfahren überprüft werden können.

Die fundamentale Perspektive der Psychologie sieht Prinz jedoch in der Kognitionsforschung. Diese noch recht junge neue Forschungsrichtung untersucht interdisziplinär, wie Bewusstsein, Denken, Wahrnehmung, Erinnerung und Sprache funktionieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Daraus ergeben sich faszinierende Perspektiven.

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