10.05.2006

Pflegeforschung: Der deutsche Patient

Vor rund fünf Jahren installierten deutsche Gesundheitspolitiker die Fallpauschale, die in Anspruch genommene Leistungen nach ihrem Umfang berechnete. Transparenz ist eine der Vorgaben: Die Patienten sollen fit und kompetent für die Zeit zu Hause aus dem Krankenhaus entlassen werden. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

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HEIDELBERG. Vor rund fünf Jahren importierten deutsche Gesundheitspolitiker aus Australien die Diagnosis Related Groups (DRG) oder GDRG (German DRGs), besser bekannt als Fallpauschale. Das System ist einleuchtend: So ist etwa die Entfernung eines Muttermals mit 100 Euro verständlicherweise preisgünstiger als eine Herztransplantation. Transparenz ist eine der Vorgaben: Die Patienten sollen fit und kompetent für die Zeit zu Hause aus dem Krankenhaus entlassen werden. Dafür sorgen Disease- und Entlass-Management.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Den wissenschaftlichen Beweis liefern Berliner und Bremer Sozialwissenschaftler mit einer Längsschnittanalyse, die kurz vor dem Abschluss steht (siehe Kasten). Das Kooperationsprojekt der Forschungsgruppe Public Health des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen ist ein typisches Beispiel für Transferforschung in Deutschland. Hinter dem sperrigen Titel "Wandel von Medizin und Pflege im DRG-System" steckt die Umsetzung von wissenschaftlicher Forschung in aktuelle Systeme.

"Wir sind an das Thema wissenschaftlich distanziert und selbstverständlich objektiv herangegangen", sagt der Bremer Soziologe Bernard Braun, einer der beiden Leiter des Projekts. Ein erstes Fazit: Patienten werden zwar deutlich früher aus dem Krankenhaus entlassen, erfahren aber oft nicht, wie sie sich in der riskanten Phase nach der Entlassung verhalten müssen.

Ein gutes Entlass-Management wäre aber einer der Grundpfeiler des GDRG-Systems. Tatsächlich waren bei der ersten Befragung vor zwei Jahren immerhin 16 Prozent gar nicht über gesundheitliche Warnsignale informiert, was im Ernstfall zu vielen Komplikationen führt.

Nur ein Viertel der Patienten weiß, wann man wieder übliche Alltagsaktivitäten ausüben kann - wie das Hochtragen eines Bierkastens nach einem Herzinfarkt. Rund ein Drittel der Befragten hat überhaupt nichts dazu erfahren, wie man selber zur Gesundung beitragen kann. Die Angehörigen haben mehrheitlich (62 Prozent) nicht gelernt, wie sie helfen können.

"In einem sich stark ändernden Umfeld bedeutet Stillstand immer Rückschritt. Deutliche Verbesserungen haben wir nirgendwo beobachtet", konstatiert Braun. "Es offenbart sich jetzt, dass die gesamte Prozesssteuerung nicht richtig funktioniert." Stefan Görres, Professor am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, bestätigt den sozialwissenschaftlich erstellten Befund: "Die Standards sind bisher kaum implementiert worden; das ist das Hauptproblem."

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein altbekanntes Problem

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