05.04.2006

Identitätskrise: Rezepte gegen das Unbehagen

Das gescheiterte Ratifizierungsverfahren der europäischen Verfassung stürzte die EU in eine tiefe Krise. Jetzt suchen EU-Forscher nach Wegen aus der Identitätskrise Europas - Sozialpolitik statt Verfassungspatriotismus.

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BRÜSSEL. Für Douglas ist die Welt noch in Ordnung. Er verstehe gar nicht, dass die Leute ständig über die EU klagen, sagte der britische Europaminister bei einem Vortrag vor dem Brüsseler Think-Tank CEPS. "Nie war das Leben in Europa so lebenswert wie heute", hielt Alexander dagegen. Auch die Frage nach der europäischen Identität ist dem Briten irgendwie fremd. Er vertraue auf die "starke Nation", gab Alexander zu Protokoll - und verstehe sich ansonsten als "Schotte, Brite und Europäer."

Multiple Identitäten nennt man so etwas - und sie sind offenbar glücklich im neuen Europa. Doch längst nicht jeder EU-Bürger fühlt sich so wohl in seiner Haut wie der britische Europaminister. Seit der Osterweiterung und den gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden scheint sich ein allgemeines Unbehagen an der EU auszubreiten. Die Debatte über den Türkei-Beitritt und die Grenzen Europas hat die Malaise noch verstärkt.

Für Alexander handelt es sich dabei bloß um "Wachstumsschmerzen". Die Mehrheit der Sozial- und Geisteswissenschaftler hat jedoch eine handfeste Identitätskrise ausgemacht. Die "europäische Identität" ist längst zum Modethema geworden, das in immer neuen Vorträgen, Seminaren, Studiengängen und Netzwerken untersucht wird - vom Europakolleg in Brügge über die Stiftung "Notre Europe" in Paris bis hin zum Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit im Schloss Genshagen bei Berlin. Selbst der Mitbegründer der polnischen Solidarnosc-Bewegung, der Historiker Bronislaw Geremek, beugt sich in seinem Projekt "Visions of Europe" über die kranke europäische Seele.

Die Ausgangsthese der Forscher ist immer dieselbe: Die europäische Einigung sei zu einem seelenlosen Eliteprojekt verkommen. Was einst als geniales Erfolgsrezept galt - Jean Monnets Methode der kleinen, pragmatischen Schritte ohne ideologischen Überbau -, sei überholt. Monnets Ansatz sei zwar immer noch der beste Weg, internationale Konflikte zu lösen, heißt es in einem Seminarbericht von "Notre Europe". Seine Methode habe aber dazu geführt, "den Gegnern des europäischen Projektes das Feld der Leidenschaft zu überlassen".

Zwischen der Elite und den EU-Bürgern habe sich ein "tiefer Graben" aufgetan, ist Projektleiterin Aziliz Gouez überzeugt. Der Riss sei so tief, dass es nicht mehr ausreiche, ihn durch immer neue, vermeintlich bürgernahe EU-Projekte zu kitten. Die vom ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors gegründete Stiftung "Notre Europe" versucht daher, einen Schritt zurückzutreten und zu erforschen, was die Bürger im Alltag verbindet. Die Essgewohnheiten der Europäer stehen ebenso auf dem Forschungsprogramm wie Volksfeste und Feten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Soziologieprofessor Picht verfolgt einen ganz anderen Ansatz.

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