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04.03.2008 
Web 2.0 im Unternehmenseinsatz

„Im Wiki haben Besserwisser keine Chance“

von Stephan Dörner

Ein verbesserter Informationsfluss, lebendige Prozesse statt statischer Protokolle und ein modernes Knowledge-Management - all das hört sich gut an. Doch was steckt eigentlich genau hinter dem "Buzzword" Enterprise 2.0? Handelsblatt.com sprach mit Experten und erhielt erstaunliche Antworten. Denn eigentlich geht es gar nicht in erster Linie um die Technik.

Das Thema Web 2.0 ist in aller Munde. Doch in vielen Unternehmen ist es noch nicht angekommen. Foto: Wirtschaftswoche

Das Thema Web 2.0 ist in aller Munde. Doch in vielen Unternehmen ist es noch nicht angekommen. Foto: Wirtschaftswoche

DÜSSELDORF. Kundenservice, Qualitäts- und Wissensmanagement - all das wird in Unternehmen heute fast ausschließlich computergestützt geleistet. Der statische Ablauf gleicht trotzdem meist dem von vor dreißig Jahren. Dabei könnten Unternehmen viel von der Dynamik des Web 2.0 lernen, glaubt Björn Negelmann, Veranstalter des » Enterprise 2.0 Summits auf der CeBIT.

Wie Unternehmen vom Web 2.0 profitieren können, wollen die Organisatoren am heutigen Dienstag in Halle 8 der CeBIT ab 11 Uhr den Firmenlenkern näher bringen. Das Thema sei vor allem bei deutschen Unternehmen noch nicht richtig angekommen, bemängelt Negelmann. "Der überwiegende Teil der Interessenten kommt aus dem europäischen Ausland, das Thema ist bei den deutschen CEOs einfach noch nicht virulent", berichtet er Handelsblatt.com. Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen interessierere das Thema bisher so gut wie gar nicht.

Zu Unrecht glauben die Veranstalter, denn die Techniken des Web 2.0 böten so gut wie allen Branchen und Unternehmensgrößen interessante Möglichkeiten. Vor Ort präsentiert beispielsweise Wieland Stützel, Senior Manager für Knowledge Management des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport AG, wie das von Wikipedia bekannte Wiki-Prinzip auch im Unternehmen funktionieren kann. "Alle reden von Wikis, wir nutzen sie"; sagt er im Gespräch mit Handelsblatt.com.


» Die Rekordmesse: Testen Sie Ihr Wissen im Cebit-Quiz


Seit Mitte 2007 betreibt die Fraport AG ein internes Wiki für das Wissensmanagement des Unternehmens. Das "Skywiki" dient dazu, Wissen des Konzerns zu finden, zu teilen und verfügbar zu machen – ganz ähnlich wie beim Vorbild Wikipedia, einem Lexikon, bei dem jeder alles ändern kann. Dabei nutzt die Fraport AG mit dem » Mediawiki dieselbe Software, die auch die Grundlage für die Wikipedia bildet. Weil es sich dabei um Open-Source-Anwendung handelt, konnte der Konzern das Mediawiki an die speziellen Bedürfnisse des Unternehmens anpassen.

"Derzeit finden sich mehr als 1 100 Artikel rund um das Unternehmen und den Luftverkehr im Fraport-Wissensportal, über 340 Nutzer haben sich als Autoren angemeldet" berichtet Stützel. Das Wiki-Prinzip helfe insbesondere, die Unternehmenskultur zu fördern. "Querulanten und Besserwisser, die sich gerne an Fehlern anderer laben, haben hier keine Chance: Denn sie können stattdessen jederzeit einen Artikel ändern oder gar die Löschung beantragen - oder aber schweigen", so der Senior Manager. Letztlich gehe es beim Thema Enterprise 2.0 also weniger um die eingesetzte Technik, als vielmehr um eine Veränderung der Unternehmenskultur: "Das Thema Wissensmanagement, Wiki etc. ist keines der Technik - das ist meine klare Botschaft."

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Keine Frage der Technik

Ein Experte auf dem Gebiet des Web 2.0 ist auch Olivier Creiche, der ebenfalls auf der Veranstaltung referiert. Als Vizepräsident für Europa, den Nahen Osten und Afrika arbeitet er für Six Apart, einem der weltweit führenden Weblog-Anbietern.

Für ihn steht beim Thema Enterprise 2.0 ebenfalls nicht die Technik im Vordergrund: "Im Allgemeinen kann man sagen, dass die positiven und erfolgreichen Aspekte, die das Web 2.0 in die Unternehmen bringt, sich aus der Demokratisierung der globalen Konzernkommunikation ergeben" berichtet er im Gespräch mit Handelsblatt.com.

Dafür seien Web-2.0-Techniken wie ein RSS-Feed, der bei der Verbreitung von Wissen helfe, ebenso wie Weblogs, die eine öffentliche Konzernkommunikation ohne Webmaster erlaubten, zwar hilfreich aber nicht hinreichend. "Eine Partizipation der Mitarbeiter setzt häufig einen echten Wechsel in der Unternehmenskultur voraus", so Creiche.


» Im Bild: Die Themen der Cebit


Das Interesse am Thema Enterprise 2.0 sieht er derzeit stark Aufwind, auch in Deutschland. Allein hierzulande habe sich das Auftragsvolumen seines Unternehmens im vergangenen Jahr verzehnfacht. Für die Zukunft erwartet Olivier Creiche noch weiteres Wachstumspotential, da viele Unternehmen jetzt erst auf das Thema aufmerksam würden. Andere Unternehmen hätten vor etwa ein oder zwei Jahren begonnen, mit Enterprise-2.0-Konzepte zu experimentieren und näherten sich jetzt der Umsetzungsphase.

Auch Vodafone in England geht beim Thema Enterprise 2.0 voran und setzt bereits ein internes soziales Netzwerk ein. Es soll dazu dienen, das unternehmenseigene Kompetenznetzwerk abzubilden. Das bedeutet, für jeden Mitarbeiter im Unternehmen wird in der Software festgehalten, bei welchen Themen er Experte ist. Somit fällt es Kollegen leichter, den richtigen Ansprechpartner zu finden.

Vodafone Deutschland ist dagegen eher zögerlich beim Einsatz von Web-2.0-Techniken. Bisher werden nur Podcasts für die Unternehmenskommunikation nach außen eingesetzt. "Blogs, Wikis und Foren sind sicherlich interessant, benötigen aber immer auch eine kritische Masse an Nutzern", so Unternehmenssprecherin Ute Brambrink.

Auch Fraports Wiki-Experte Wieland Stützel steht nicht allen Möglichkeiten des Enterprise-2.0-Modells unkritisch gegenüber: Der Einsatz von Weblogs in einem Unternehmen würde beispielsweise nicht wirklich funktionieren, denn man dürfe "das Thema Macht und Herrschaft als Konstanten in einem Unternehmen nicht außen vor lassen". Andererseits aber sollte "man schauen, was dennoch möglich ist mit prinzipiell egalitären Technologien, die außerdem nicht wirklich kontrollierbar sind", fügt er hinzu.

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