Bei den Asklepios-Kliniken ist die Bibliothek ins Intranet umgezogen - und hat nun rund um die Uhr geöffnet. Das neue System verbindet rund 100 Krankenhäuser in Deutschland und ermöglicht den direkten Kontakt zum nächsten Spezialisten.
IT im Klinikbetrieb: Wissen aus dem Kliniknetz
HAMBURG. In kaum einem Beruf nimmt das Wissen so rasant zu wie in der Medizin. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Studie vorgestellt oder eine neue Therapie diskutiert wird. Wenn ein Arzt auf dem Laufenden bleiben will, ist Eigeninitiative angesagt: Neben den zahlreichen Fachpublikationen muss er auch die Online-Veröffentlichungen im Blick haben, um gut informiert zu sein.
Das ist aber leichter gesagt als getan. Der Alltag lässt dem Mediziner wenig Raum für die eigene Recherche. Um ihrem medizinischen Personal den Zugang zu den für ihre Arbeit notwendigen Informationen zu erleichtern und vorhandenes Wissen besser und breiter nutzbar zu machen, hat Asklepios, einer der größten privaten Klinikbetreiber in Deutschland, eine Onlinebibliothek aufgebaut, auf die Ärzte und Pflegepersonal nun - nachdem alle rund 100 Krankenhäuser der Klinikkette miteinander vernetzt sind - rund um die Uhr von jedem Computer im Krankenhausnetz zugreifen können.
Die Informationsbasis im Netz ersetzt die bisherigen Bibliotheken in den Krankenhäusern. "Es stehen tagesaktuell über eine Million medizinische Fachartikel im Volltextformat online zur Verfügung", sagt Heinzpeter Moecke, Konzernbereichsleiter Medizin & Wissenschaft bei Asklepios. Das System ist sogar verknüpft mit den Datenbanken der wichtigsten Fachverlage. "Die Recherche erfolgt über eine einheitliche Oberfläche, die das Auffinden der relevanten Informationen erleichtert", erläutert Moecke, der für den Aufbau der Online-Bibliothek verantwortlich ist. "Früher kam es schon häufiger mal vor, dass die Bibliothek bereits geschlossen war, wenn man Zeit fand, in den Fachbüchern nachzuschlagen", erinnert sich Moecke. Das sei nun kein Problem mehr.
Die Bibliothek im Intranet habe nun immer und für alle Mitarbeiter geöffnet. Um den Kollegen auch dann eine Erweiterung ihres Wissens zu ermöglichen, wenn die bereits zu müde sind, um zu lesen, werden einzelne Fachartikel auch als Podcast angeboten, die man sich auf das Handy oder den MP3-Player laden und unterwegs auf der Auto- oder Zugfahrt anhören kann.
Asklepios nutzt das Wissensmanagementsystem aber nicht nur zur Weiterbildung seiner Mitarbeiter, sondern auch, um Experten im Unternehmen zu identifizieren und diese bei Problemen an die Kollegen zu vermitteln. Wenn ein Arzt Unterstützung bei der Behandlung eines seiner Patienten benötigt, kann er die vermutete Diagnose oder einen bestimmten Fachbegriff in das System eintippen, und sofort werden ihm alle Fachärzte innerhalb der Klinikkette angezeigt, die sich mit der Krankheit auskennen.
Im medizinischen Profil, das für jeden Asklepios-Arzt in dem klinikweiten System hinterlegt ist, steht auch, in welchen Bereichen er über spezielles Wissen verfügt und wer wann in welcher Zeitschrift zu welchem Thema was publiziert hat. Der Arzt erkennt zudem auf einen Blick, in welchem Haus der Kollege tätig ist - und wer sich gerade im Dienst befindet. Mit einem Klick auf das Arzt-Profil ist dann sogar eine unmittelbare Kontaktaufnahme möglich.
Es können aber auch mehrere Experten in einer Live-Konferenz per Webcam zusammengeschaltet werden und gemeinsam die medizinischen Daten bewerten. Nicht nur der behandelnde Arzt profitiert von dieser neuen Art der digitalen Vernetzung, sondern auch der Patient: So kann ihm unter Umständen erspart bleiben, bei einer unklaren Diagnose zu einem Spezialisten überwiesen zu werden, was dann oft mit einem aufwendigen Transport im Krankenwagen zu einer anderen Klinik, mit neuen Ärzten und weiteren Untersuchungen verbunden ist.
Der Zugriff auf das Klinikportal soll bis Ende des Jahres von allen Kliniken aus möglich sein. Zurzeit sind rund 10 000 Arbeitsplätzen im Asklepios-Konzern angeschlossen - bis Ende Dezember sollen alle 13 000 PC-Arbeitsplätze des Unternehmens in das Netz integriert sein. Basis für das Wissensmanagement war die Standardisierung der IT-Infrastruktur der Krankenhäuser. Die Verknüpfung der verschiedenen Systeme in den jeweiligen Kliniken sei die größte Herausforderung gewesen, sagt Christian Hess, Ärztlicher Leiter des Asklepios Future Hospital Programms, das die Vernetzung der Kliniken vorangetrieben hat.
Zunächst sind die IT-Systeme der sechs Hamburger Asklepios-Kliniken verknüpft worden. Die rund 5 000 Computer in Management und Verwaltung, im ärztlichen und im Pflegebereich wurden innerhalb eines Jahres mit einer einheitlichen Bedienoberfläche ausgestattet und hinsichtlich Verfügbarkeit, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Datenschutz optimiert. Einheitliche Datendienste erlauben nun ein bereichs- und standortübergreifendes Arbeiten. Ein Hochgeschwindigkeitsnetz verbindet alle Häuser miteinander.
Die Mühe habe sich gelohnt, sagt Tobias Kaltenbach, Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung der Asklepios Kliniken. Die digitale Vernetzung der Standorte und Systeme habe nicht nur den Wissensaustausch verbessert, sondern auch die Prozesse im medizinischen Alltag merklich beschleunigt. So seien Labordaten um 75 Prozent schneller verfügbar als vorher; Radiologie-Ergebnisse bekommt der behandelnde Arzt sogar bis zu 89 Prozent schneller als vor der Verntzung, wie eine interne Untersuchung gezeigt hat.
Mit dem Datennetz konnten auch die Kosten reduziert werden: "Statt 120 Server sind nur noch 20 im Einsatz - obwohl die Verfügbarkeit der Daten gestiegen ist", sagt Uwe Pöttgen, Leiter der Asklepios-IT. Berechnungen nach dem Modell der "Total Cost of Ownership" (TCO), das sämtliche Kosten von der Anschaffung bis zu Schulungen und Ausfallzeiten der Mitarbeiter berücksichtigt, hätten gezeigt, dass die Aufwendungen pro Arbeitsplatz um 36,7 Prozent gesunken sind.