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17.08.2007 
Offene Software-Standards

Microsoft macht auf freizügig

von Stephan Dörner

Microsoft gilt nicht gerade als Freund des freien Wettbewerbs. Doch selbst der Software-Riese aus dem US-Städtchen Redmond muss der mit aller Macht vorpreschenden Open-Source-Bewegung Tribut zollen. Sein neues Office-Format verkauft Microsoft als offenen Standard – ein Schwindel, sagen Kritiker. Es scheint ein Streit um eine vermeintlich belanglose Norm zu sein. Und doch geht es um einen lange gehegten Traum vieler PC-Nutzer: ein einheitliches Format für Texte, Tabellen und Präsentationen.

Ein Microsoft-Mitarbeiter arbeitet mit Office 2007. Foto: apLupe

Ein Microsoft-Mitarbeiter arbeitet mit Office 2007. Foto: ap

DÜSSELDORF. Spätestens seit dem Siegeszug des Internets ist ein IT-Trend überdeutlich: Die zunehmende Verbreitung offen dokumentierter Formate wie HTML, PDF und XML. Für solche offenen Standards kann jedes Unternehmen und jeder Programmierer dank frei einsehbarer Spezifikation Software zum Lesen und Bearbeiten der Dateien schreiben. Einer hat sich dem Trend bisher erfolgreich entzogen: Quasi-Monopolist Microsoft. Ob Office-Formate, die Spieleschnittstelle DirectX oder die Netzwerk-Anbindung von Windows – die Spezifikation der eigenen Protokolle und Formate hält Microsoft geheim.

Die Folge solch verschlossener eigener Formate ist das Ausbleiben eines echten Wettbewerbs. Da nur Microsoft weiß, wie die eigenen Schnittstellen intern wirklich funktionieren, können Konkurrenten keine Software anbieten, welche beispielsweise Office-Dateien komplett fehlerfrei anzeigen und bearbeiten können. Als einziger Ausweg aus der Microsoft-Falle blieb bisher sogenanntes Reverse Engineering. Dabei wird versucht, der internen Struktur durch stupides Ausprobieren auf die Schliche zu kommen.

Microsofts Geheimniskrämerei ist vor allem deshalb ein Problem, da sich die Microsoft-Formate auf breiter Front als Quasi-Industriestandards durchgesetzt haben. Wer auf Alternativen wechseln möchte, leidet am Henne-Ei-Problem: So lange alle anderen Nutzer auf Microsoft-Produkte setzen, kommt man schlecht vom Software-Riesen weg, ohne sich zu isolieren. Die Abhängigkeit der Computernutzer von den so genannten proprietären Formaten nutzt der Konzern weidlich aus: Produkte aus dem Hause Microsoft kosten oft das Vielfache der Angebote der meist glücklosen Konkurrenz.

Vorsichtige Öffnung

Mit der Einführung von Microsoft Office 2007 verspricht der Konzern Besserung. Das „Open“ im Namen des neuen Formats Open XML deutet es schon an: Die Herren aus Redmond machen auf freizügig. Doch wirklich offen ist auch dieser Standard nicht: Aus Gründen der Abwärtskompatiblität, wie Microsoft sagt, enthält er viele ureigene Erweiterungen. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Die von Microsoft freigegebene Spezifikation sei so komplex, dass sie kein Mitbewerber vollständig implementieren könne, kritisiert Joachim Jakobs, Sprecher der Free Software Foundation Europe (FSFE). Ganze 6 000 Seiten lang ist der neue Microsoft-Standard. Mitbewerber würden in „Informationen ertränkt“, sagt Hartmut Pilch, Vorsitzender des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII). Gemeinsam mit der FSFE und anderen Organisationen protestiert der Verein mit einer » Petition gegen die Anerkennung des aus ihrer Sicht „kaputten“ Standards bei der International Organization for Standardization (ISO). Bis zum 2. September will die Normierungs-Stelle entscheiden, ob Office Open XML zum offenen Standard erklärt wird.

Die auf IT spezialisierte Normenstelle ECMA hat den Wunsch der Redmonder mittlerweile entsprochen und Open XML als Standard abgesegnet. Bei zwei anderen Standardisierungsgremium ist Open XML hingegen gerade durchgefallen: Sowohl das in den USA beheimatete International Committee for Information Technology Standards (INCITS) als auch Südafrikas Standardisierungsbüro lehnten das Microsoft-Begehren ab. Die Beschlüsse gelten als richtungsweisend für die bevorstehende Entscheidung der ISO im September.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jemand anderes war schneller

Hauptargument der Kritiker von Open XML: Mit der ISO-Norm 26300 existiert bereits ein zertifzierter Standard für Office-Dokumente. Denn die Non-Profit-Organisation OASIS (Organization for the Advancement of Structured Information Standards) war schneller als der Großkonzern. Sie legte das Format der kostenlosen Office-Suite Open Office dem internationalen Standardisierungsgremium zur Verabschiedung vor. Dabei wurde von vorne herein darauf geachtet, dass der Standard herstellerunabhängig von allen Software-Anbietern umgesetzt werden kann. Der ausgesprochenen Einladung an Microsoft, an diesem Standard mitzuarbeiten, folgte eine Absage aus Redmond.

Bereits im November 2006 erhob das Gremium das freie Format zum internationalen Standard. Deshalb sieht es für Microsoft jetzt schlecht aus. Denn zwei Normen für den selben Anwendungsbereich führen das Prinzip von Standards ad absurdum. Das sieht auch die ISO üblicherweise so. Zudem gab es seit der Anerkennung von Open Document als ISO-Norm bereits einige Initiativen öffentlicher Verwaltungen rund um den Globus, auf das offene Format umzusteigen: unter anderem in Belgien, Großbritannien, Frankreich und dem US-Bundesstaaat Massachusetts. Selbst Microsoft konnte den Standard nicht ganz ignorieren und bietet immerhin ein » Plugin an, mit dessen Hilfe sich Open-Document-Dateien in Microsoft Office lesen und bearbeiten lassen.

Auch der Politik ist Microsofts Quasi-Monopol im Bereich der Office-Produkte und den Desktop-Betriebssystemen diesseits und jenseits des Antlantiks ein Dorn im Auge. Während das US-amerikanische Antitrust-Verfahren um die Jahrtausendwende allerdings im Sande verlief, lässt die EU-Komission nicht locker: Immer wieder haben die Wettbewerbshüter der EU dem Software-Riesen Vertragsstrafen angedroht, sollte er die Spezifikation der Netzwerkschnittstelle von Windows gegenüber Konkurrenten nicht offenlegen. Passiert ist seitdem wenig.

Weg der kleinen Schritte

In einem anderen Bereich hat sich Microsoft tatsächlich bewegt: Die neueste Version des Internet Explorers ist die erste, welche die vom W3-Konsortium festgelegten Webstandards für HTML, XHTML und CSS standardkonform umsetzt. Zuvor mussten Webdesigner ihre Seiten jahrelang an den Microsoft-Browser anpassen. Eine Website, die mit standardkonformen Browsern wie Mozilla Firefox und Opera korrekt angezeigt wurde, funktionierte im Internet Explorer noch lange nicht. Das Netz ist voll von Kommentaren frustrierter Website-Bauer, die sich über das oft kaum nachvollziehbare Verhalten des Browsers beschweren.

Doch Microsofts offenkundige Strategie, Browser-Konkurrenten aus dem Markt zu drängen, ist nicht aufgegangen: Spätestens seit der Open-Source-Browser Mozilla Firefox immer beliebter wird, setzen die Webdesigner wieder auf standardkonformes HTML, statt ihre Seite für den Microsoft-Browser zu optimieren. Als Ironie der Computergeschichte kann gelten, dass für den Internet Explorer 6 optimierte Webseiten im neuen Internet Explorer 7 dank der neuen Standardkonformität teilweise falsch angezeigt werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Deutscher Bundestag entscheidet halbherzig

Die hohe Relevanz offener Formate hat offenkundig auch der Deutsche Bundestag erkannt. Wer sich die Entschließung des höchsten deutschen Parlaments zur Empfehlung offener Standards in der öffentlicher Verwaltung aber genauer durchliest, für den drängt sich der Eindruck auf, dass hier deutliche Zugeständnisse an Microsoft gemacht wurden. Standards gelten nach der Bundestags-Definition als offen, sobald sie den Austausch zwischen verschiedenen Plattformen und Applikationen ermöglichen und ausreichend dokumentiert sind. Dazu reicht es aus, wenn Software-Unternehmen ihre Schnittstellen unter „fairen und diskriminierungsfreien Konditionen“ freigeben, wobei unklar bleibt, was das bedeutet.

Der FFII brandmarkt das Gesetz der großen Koalition als „Lex Microsoft“. Open-Source-Software werde so vom Wettbewerb ausgeschlossen, da mit der Nutzung der proprietären Schnittstellen Lizenzkosten und Patentabkommen verbunden seien. Der Verein dokumentiert den gesamten Fall ausführlich in seinem » Wiki.

Auch die Opposition krisitiert die Bundestags-Resolution: „Das ist so, als würde man umweltfreundliche Autos fördern wollen, indem man Benzinschluckern wie den großen Sportgeländewagen Q7, X5, Touareg und wie sie alle heißen das Label umweltfreundlich gewährt,“ sagte Grietje Bettin von Bündnis'90/Die Grünen.

Anders sieht die Lage in Japan aus: Dort hat die Regierung in der letzten Wochen beschlossen, künftig echte offene Standards wie Open Document gegenüber proprietären Formaten vorzuziehen und läutet damit ein Umdenken ein: Bisher war auch in Japan Software bevorzugt worden, die mit den verbreitesten Formaten zusammenarbeitet.

Ausgang ungewiss

Es bleibt spannend im Kampf der Formate. Selbst wenn die ISO den neuen Microsoft-Standard ablehnen sollte, könnte die enorme Marktmacht der Redmonder durchaus dazu führen, dass die Microsoft-Monokultur erhalten bleibt. Dem gegenüber stehen Bestrebungen vieler Regierungen der Welt, offene Formate zu fördern und in den eigenen Verwaltungen durchzusetzen, um sich aus der kostspieligen Abhängigkeit von Microsoft zu lösen.

Ein anderes IT-Schwergewicht hat hat sich bereits positioniert: IBM gilt als klarer Unterstützer des Open-Document-Formats der Microsoft-Gegner. Und auch Google hat ihn in seine Online-Office-Suite eingebaut – neben dem Microsoft-Standard.

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