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16.04.2008 
Google und der Zwang zum Wandel

Nimmerland ist zu entspannt ...

von Axel Postinett

Google steckt in der Krise. Um ihr zu entrinnen, muss der Suchriese endlich erwachsen werden und mit ihm die weltweit 16 000 Mitarbeiter. Damit tut sich Google aber schwer – wie ein Besuch im Forschungszentrum in Zürich beweist.

ZÜRICH. Weiße Tafeln ersetzen die Tapeten. Sogar in der Kantine. Wohin man schaut im Bürokomplex in der Züricher Altstadt, überall hängen „Whiteboards“, weiße Notizflächen, die Eiskunstlaufbahnen der Generation Textmarker. Stoisch nehmen sie alles auf, was kreative Geister den ganzen Tag lang ausbrüten: den Gag des Tages, ein neues Produkt oder eine spinnerte Vision für 2030.

Hier, bei Google, sehen die Tafeln stets aus wie Wandzeitungen. Jeder Mitarbeiter soll seine Ideen jederzeit der Kritik der anderen aussetzen. Im Büro, im Meeting, beim Kantinen-Plausch, beim Billard im Café: eine neue Idee? Sofort aufschreiben!

Nur ein Ort bleibt ausgenommen vom weißen Tafelwahn – die Toiletten. Dort hängen Denksportaufgaben über dem Pissoir.

Willkommen im innovativsten Unternehmen des 21. Jahrhunderts, dem Epizentrum des Internets, dem coolsten Unternehmen der High-Tech-Industrie, dem Angstgegner von Microsoft – willkommen bei Google in Zürich, im Zentrum für Softwareentwicklung für Europa, den Mittleren Osten und Afrika. 300 Software-Profis grübeln hier auf über 12 000 Quadratmetern. Bald sollen es 800 sein.

Wenn alles gutgeht. Wenn. Immer mehr Anleger zweifeln an Google. Nachdem der Aktienkurs von 80 Dollar 2004 bis auf knapp 740 Dollar Ende 2007 emporgerast war, sackte er in nur drei Monaten bis auf gut 400 Dollar ab. Wo bisher stets Ausrufezeichen standen, steht nun ein Fragezeichen – hinter Googles Zukunft. In den USA dräut eine Wirtschaftskrise. Die Klickzahlen auf Google-Anzeigen wachsen nicht mehr, und weniger Klicks gleich weniger Umsatz. Und Microsoft schickt sich an, Yahoo zu kaufen, um Google zu attackieren.

Am Donnerstag legt Google seine Quartalszahlen vor. Und wehe, wenn sie schlecht ausfallen. Dann ist sie wieder da, die Kernfrage: Ist Google doch nur ein „One Trick Pony“, ein Zufallstreffer, der sich nur einmal landen und nicht wiederholen lässt?

Google hatte das Suchen im Internet revolutioniert und drückte Pioniere wie Yahoo an die Wand. Ende 2007 betrug sein Anteil am Suchmarkt weltweit 62,4 Prozent – der von Microsoft 2,9 Prozent. Das ermittelten die Marktforscher von Comscore. Mit „Google Apps“, einer web-basierten Bürosoftware, bedrängt der Konzern „Microsoft Office“. Und seine Gründer Sergey Brin und Larry Page machte Google zu Milliardären.

Sämtliche Gegenangriffe auf den quietschbunten Namenszug verpufften wirkungslos – bisher.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein verspieltes großes Kind

Nun ist die erste Krise da, und die 16 000 Mitarbeiter von Google müssen beweisen, dass das, was sie den lieben langen Tag in ihren Büroparallelwelten auf weiße Tafeln kritzeln, auch das Geschäftsmodell von Google nach vorn bringt. Das erst zehn Jahre alte, verspielte Riesenkind Google mit 150 Milliarden Dollar Börsenwert muss erwachsen werden, aber es mag noch nicht so recht. Peter Pan bleibt lieber in seinem Nimmerland.

Das Forschungszentrum in Zürich scheint ein perfektes Beispiel dafür zu sein – ein „Neverland“ für Software-Freaks. Schon in der Lobby laden Flipperautomaten zur Kurzweil ein. Drinnen dienen alte Seilbahngondeln, verziert mit Herzchen-Gardinen, als Besprechungskabinen. Ein Hund liegt vor einem Glasbüro und blinzelt in die Sonne. Aus dem ersten Stock führt eine Rutsche in die Kantine. Die heißt „Milliways“, so wie das „Restaurant am Ende des Universums“ aus dem kultig-kreativ-wirren Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ des Briten Douglas Adams. Vieles hier ist so quietschbunt, als wären bei Google gerade die Teletubbies explodiert.

Wenn es nach Nelson Mattos geht, wird Google so kultig, kreativ und wirr bleiben. Der gebürtige Brasilianer mit dem schwarzen Kraushaar ist „Vice President Engineering“. 15 Jahre forschte er bei IBM, davor lehrte er mal an der Universität Kaiserslautern. Nun ist Mattos „Lead“ in Zürich, Primus inter Pares in einer Truppe handverlesener Software-Ingenieure. Einen Steinwurf von der Eidgenössischen Technischen Hochschule entfernt leitet der 49-Jährige den größten Ableger von Google außerhalb der USA.

Für Mattos haben die Billardtische, der Wellness-Bereich, der Ruheraum samt Aquarien und die Videospielkonsolen nur einen Zweck: Innovationen zu fördern und so die Dominanz von Google zu sichern.

Dafür arbeiten die „Zoogler“, die Züricher Googler, von morgens früh bis spät in der Nacht. Sie feilen an Web-Technologien, die bald Millionen weltweit nutzen sollen. Im Hürlimann Areal, wo früher Bier gebraut wurde, entstehen nun Algorithmen für die beliebteste Suchmaschine der Welt, neue Kniffe für Google-Maps oder Google-Mail – auf dass die „Googleware“ wachse und gedeihe.

So nennen Ralf Kaumanns und Veit Siegenheim in ihrem Buch „Die Google-Ökonomie“ den Mix aus Hard- und Software, die es Google ermöglicht, aus acht Milliarden Webseiten in 0,2 Sekunden eine Trefferliste zu erstellen. In 0,05 Sekunden werden bis zu 700 von weltweit über 400 000 Google-Servern abgefragt. Hinzu kommt ein ausgefeiltes System für Platzierung und Auswertung von Online-Suchwortwerbung. Google-Produktchefin Marissa Mayer nennt das alles die „geheime Soße“, die Google so erfolgreich macht.

Jürgen Galler ist einer der Köche, die an dieser Soße mitkochen. „Du musst dir hier deinen Job in großen Teilen schon selbst erarbeiten“, sagt der 41-Jährige aus Südtirol. Er hat in Tokio gelebt, in Spanien und in Gütersloh. Als Google ihn ansprach, war er gerade selbstständig. Er flog ins „Googleplex“, die Zentrale in Mountain View, Kalifornien – und ließ sich von der Unternehmenskultur gefangen nehmen. Ihn fasziniere die Freiheit, sagt Galler, die er bei allem Leistungsdruck trotzdem habe. 20 Prozent der Arbeitszeit darf ein Googler für eigene Projekte nutzen.

So entstand etwa der Nachrichtendienst „Google News“. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 fand es ein Googler zu mühsam, alle Nachrichten im Web manuell zusammenzusuchen. Für sich selbst schuf er eine Software, die heute Tag für Tag weltweit Millionen nutzen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Geheimzutaten der "Google-Soße"

Vom ersten Tag an hat jeder Ingenieur Zugriff auf alle Geheimzutaten der „Google-Soße“: jede Zeile Programmcode, jedes Dokument, jedes Projekt. Sieht jemand ein Problem, wird von ihm erwartet, dass er es anpackt und löst, ohne dass er auf eine Anweisung wartet. Neun Kernregeln managen Google, sagt Nelson Mattos. Etwa: „Stelle nur die Besten ein.“ Oder: „Ideen kommen von überall her.“ Oder: „Teile alle Informationen mit allen.“ Oder: „Kille keine Idee – mache sie einfach besser.“ Die Ansage an die Neulinge, sagt Mattos bei Pasta und Bionade in der Kantine, sei simpel: „Hit the ground and run“ – leg mit voller Kraft los, sofort.

Doch diffuse Kraft ohne klare Richtung verpufft leicht. Bei Regel Nummer fünf etwa müssen Google-Aktionäre schlucken: „Der Nutzer kommt zuerst – danach das Geldverdienen.“ Und Mattos bestätigt auch frank und frei, was Investoren das Blut in den Adern gefrieren lässt: „Kosten spielen hier keine Rolle.“

Aber der Manager weiß auch, dass sich Google wandeln muss. Zürich ist dafür ein Anfang. Über 50 Prozent aller Google-Nutzer leben heute außerhalb der USA, sagt Mattos. Sie verlangen nach Angeboten, die auf sie zugeschnitten sind. Dafür müssen lokale Talente her. Und weil „noch lange nicht jeder in Kalifornien leben will“, können die Googler arbeiten, wo sie leben möchten. In St. Petersburg, in Haifa oder eben in Zürich.

Beispiel „Transit“, eine Erweiterung von Google-Maps zur Routenplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Sie wurde in Zürich entwickelt; im Autofahrerland USA hätte sich kaum jemand für so was interessiert. Nun greifen immer mehr Nutzer zu – und liefern freiwillig ihre Reiseziele ab. Vielleicht wollen sie am Ziel ja essen gehen oder einkaufen. Schon lassen sich wieder neue Werbekunden für Google ködern.

Google globalisiert sich: Mittlerweile gibt es die Suchseite in 115 Sprachen – einschließlich „Klingonisch“ für Fans der Sci-Fi-Serie „Star Trek“. Google will eben immer auch ein bisschen spielen.

„Jedes Feature, das mehr Menschen auf unsere Seiten bringt, hilft uns weiter“, sagt Nelson Mattos. Das Problem: Der finanzielle Erfolg ist nur schwer messbar, da sich Google nur über Werbung finanziert. Es gibt keine neuen Produkte wie „Windows Vista“ von Microsoft, für die Fans Schlange stehen, um dann Hunderte von Euro zu zahlen. „Wir machen etwas Neues, und auf einmal ist es halt online“, sagt Mattos. Doch das ist unspektakulär, und darunter leidet das Spektakel Google.

Die Konkurrenz schläft nicht. Das soziale Netzwerk von „Facebook“ wird schon als Google-Ersatz von morgen gehandelt. Microsoft hat haufenweise Geld: Der Softwarekonzern weist im Monat so viel Cash-Flow aus, wie Google im Jahr verdient.

Darum durften auch die „Zooglers“ ihre neues Zuhause selbst erschaffen. Architekten von Camenzind Evolution statteten das neue Gebäude aus, nachdem die Mitarbeiter von einem Psychologen nach ihren Vorlieben und Träumen befragt worden waren.

So gibt es nun als „Schnellverbindungen“ zwischen den Etagen Feuerwehr-Rutschstangen. Sie sollen dazu motivieren, nicht nur in den Büros zu hocken, sondern Kollegen zu treffen und Gedanken auszutauschen.

Die Rutschstangen werden rege genutzt, sagt Nelson Mattos, allerdings manchmal ein wenig zu rege. Mittlerweile gibt es ein Hinweisschild, das die Benutzung der Kantinen-Rutschbahn und der Feuerwehr-Stangen mit dem Laptop in der Hand verbietet. Die Ausfallquote der Hardware war dann den Technikern doch zu hoch. Irgendwo wird nun halt auch bei Google gespart.

Und am Donnerstag entscheidet sich, ob künftig noch ein klein wenig mehr gespart werden muss im IT-Nimmerland.

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