Vom ersten Tag an hat jeder Ingenieur Zugriff auf alle Geheimzutaten der „Google-Soße“: jede Zeile Programmcode, jedes Dokument, jedes Projekt. Sieht jemand ein Problem, wird von ihm erwartet, dass er es anpackt und löst, ohne dass er auf eine Anweisung wartet. Neun Kernregeln managen Google, sagt Nelson Mattos. Etwa: „Stelle nur die Besten ein.“ Oder: „Ideen kommen von überall her.“ Oder: „Teile alle Informationen mit allen.“ Oder: „Kille keine Idee – mache sie einfach besser.“ Die Ansage an die Neulinge, sagt Mattos bei Pasta und Bionade in der Kantine, sei simpel: „Hit the ground and run“ – leg mit voller Kraft los, sofort.
Doch diffuse Kraft ohne klare Richtung verpufft leicht. Bei Regel Nummer fünf etwa müssen Google-Aktionäre schlucken: „Der Nutzer kommt zuerst – danach das Geldverdienen.“ Und Mattos bestätigt auch frank und frei, was Investoren das Blut in den Adern gefrieren lässt: „Kosten spielen hier keine Rolle.“
Aber der Manager weiß auch, dass sich Google wandeln muss. Zürich ist dafür ein Anfang. Über 50 Prozent aller Google-Nutzer leben heute außerhalb der USA, sagt Mattos. Sie verlangen nach Angeboten, die auf sie zugeschnitten sind. Dafür müssen lokale Talente her. Und weil „noch lange nicht jeder in Kalifornien leben will“, können die Googler arbeiten, wo sie leben möchten. In St. Petersburg, in Haifa oder eben in Zürich.
Beispiel „Transit“, eine Erweiterung von Google-Maps zur Routenplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Sie wurde in Zürich entwickelt; im Autofahrerland USA hätte sich kaum jemand für so was interessiert. Nun greifen immer mehr Nutzer zu – und liefern freiwillig ihre Reiseziele ab. Vielleicht wollen sie am Ziel ja essen gehen oder einkaufen. Schon lassen sich wieder neue Werbekunden für Google ködern.
Google globalisiert sich: Mittlerweile gibt es die Suchseite in 115 Sprachen – einschließlich „Klingonisch“ für Fans der Sci-Fi-Serie „Star Trek“. Google will eben immer auch ein bisschen spielen.
„Jedes Feature, das mehr Menschen auf unsere Seiten bringt, hilft uns weiter“, sagt Nelson Mattos. Das Problem: Der finanzielle Erfolg ist nur schwer messbar, da sich Google nur über Werbung finanziert. Es gibt keine neuen Produkte wie „Windows Vista“ von Microsoft, für die Fans Schlange stehen, um dann Hunderte von Euro zu zahlen. „Wir machen etwas Neues, und auf einmal ist es halt online“, sagt Mattos. Doch das ist unspektakulär, und darunter leidet das Spektakel Google.
Die Konkurrenz schläft nicht. Das soziale Netzwerk von „Facebook“ wird schon als Google-Ersatz von morgen gehandelt. Microsoft hat haufenweise Geld: Der Softwarekonzern weist im Monat so viel Cash-Flow aus, wie Google im Jahr verdient.
Darum durften auch die „Zooglers“ ihre neues Zuhause selbst erschaffen. Architekten von Camenzind Evolution statteten das neue Gebäude aus, nachdem die Mitarbeiter von einem Psychologen nach ihren Vorlieben und Träumen befragt worden waren.
So gibt es nun als „Schnellverbindungen“ zwischen den Etagen Feuerwehr-Rutschstangen. Sie sollen dazu motivieren, nicht nur in den Büros zu hocken, sondern Kollegen zu treffen und Gedanken auszutauschen.
Die Rutschstangen werden rege genutzt, sagt Nelson Mattos, allerdings manchmal ein wenig zu rege. Mittlerweile gibt es ein Hinweisschild, das die Benutzung der Kantinen-Rutschbahn und der Feuerwehr-Stangen mit dem Laptop in der Hand verbietet. Die Ausfallquote der Hardware war dann den Technikern doch zu hoch. Irgendwo wird nun halt auch bei Google gespart.
Und am Donnerstag entscheidet sich, ob künftig noch ein klein wenig mehr gespart werden muss im IT-Nimmerland.

