Google Earth zählt zu den populärsten Computerprogrammen der Welt. Die Spionage-Software bringt die Welt nicht nur ins Wohnzimmer, sie verrät auch viel über ihre Bewohner. Neue Programme geben noch intimere Einblicke und wecken den Unmut von Privatleuten, Politikern und Militärs. Doch noch überwiegt der praktische Nutzen von Google Earth.
Google Earth gewährt vom Schreibtisch aus atemberaubende Blicke in die entlegensten Orte der Welt. Foto: dpa
Um die Wohnhäuser von Günther Jauch und Wolfgang Joop, aber auch von anderen bekannten Größen wie Thomas Gottschalk, Bill Gates oder Michael Dell zu besichtigen, braucht man keine Einladung oder gar eine Brechstange. Es reicht, wenn man eine kostenlose Software namens Google Earth auf seinen Computer installiert und auf der Web-Site www.gearthhacks.com die Rubrik „Famous Homes“ anklickt – schon beginnt die globale Spionage-Tour.
Die Grundlagen dafür werden in Gebäude 45 auf dem Google Campus in Mountain View im Silicon Valley täglich neu gelegt. Im zweiten Stock sitzen die Entwickler von Googles Landkartenservice und bearbeiten mit Macintosh und Dell-Computern Abertausende Bilder, die von Satelliten und Spezialflugzeugen mit hochauflösenden Kameras gemacht wurden. Die Bilddaten werden in ein Computernetzwerk eingespeist, über Mustererkennung ausgewertet, umgerechnet und dann auf eine virtuelle Weltkugel übertragen. Mit Google Earth kann sie dann jeder Internet-Nutzer betrachten. Wer über eine halbwegs flotte Daten-Verbindung verfügt, zoomt sich aus dem All auf die Pyramiden von Gizeh, fliegt dann durch den Grand Canyon, bummelt durch die Straßen von Hamburg – oder schaut sich an, wo und wie Angela Merkel wohnt. Wem das zu langweilig ist, kann seit wenigen Tagen über 200 Millionen Sterne erkunden. Mit der brandneuen Version 4.2 von Googles Globus ist das ein Kinderspiel.
Mehr als 300 Millionen Mal wurde die Software bereits heruntergeladen. Google Earth zählt damit zu den populärsten Computerprogrammen der Welt. Selbst wer die digitale Weltkugel nicht auf dem Rechner hat, kann die Luftaufnahmen über den normalen Internet-Browser via Googles Landkartenservice Google Maps betrachten.
Was auf den ersten Blick nur wie eine Spielerei anmutet, ist in Wirklichkeit ein knallhartes Geschäft und ein Vorgriff auf die nächste Wachstumsphase des Internets. Microsoft bietet mit Virtual Earth seit dem Sommer 2005 einen ähnlichen Service an. Andere wollen nachziehen: Yahoo investiert eifrig in Kartendienste ebenso wie die AOL-Tochter Mapquest.
Die Möglichkeiten der Technik sind bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Einen Vorgeschmack auf die schöne neue Google-Welt von morgen dürfen US-Bürger schon seit einer Weile erleben – mithilfe des Zusatzmoduls Street View für Google Maps. Hunderttausende Fotos, die von einer 360-Grad-Kamera mit elf Linsen während stundenlanger Fahrten durch verschiedene Großstädte geschossen wurden, sind hier zu fotorealistischen Stadtbildern zusammengefügt. Benutzer können sich da- mit aus dem Blickwinkel eines Fußgängers beispielsweise ein Bild davon machen, ob das Hotel tatsächlich so hübsch ist wie im Prospekt beschrieben. Zu sehen gibt es aber nicht nur Häuserfassaden: In San Francisco und San Diego kann man Leuten ins Schlafzimmer schauen, bei Einbrüchen oder Besuch einer Peepshowertappen – alles, was den Google-Fahrzeugen vor die Linse kam. Wer sich kompromittiert fühlt, kann bei Google beantragen, dass sein Gesicht oder das Nummernschild des Autos in der Straßenansicht unkenntlichgemacht wird – Luftaufnahmen von Privathäusern aber werden nichtzensiert.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Geheime Militärausrüstung dank Google Earth entdeckt.
Googles neues Geschäftsfeld Spionage empört nicht nur Privatleute, sondern ruft auch Politiker und Militärs auf den Plan. Nicht ohne Grund: Anfang Juni verhaftete das FBI vier Männer, die angeblich die Treibstoffleitungen des New Yorker John-F.-Kennedy-Airports in die Luft jagen wollten. Auf einem Laptop der Verdächtigungen fanden sich Bilder des Flughafens aus Google Earth. Die indische Regierung beklagte sich bei Google, dass Militärbasen, Nuklearkraftwerke und auch das Büro des indischen Premierministers im Internet zu sehen seien. Und im Stab der Volksbefreiungsarmee Chinas schäumten die Generäle, nachdem der amerikanische Wissenschaftler Hans Kristensen auf Google Earth ein streng geheimes Nuklear-U-Boot im Hafen einer nordchinesischen Militärbasis entdeckt hatte. „Die Daten auf Google Earth stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen“, verteidigt sich Google-Earth-Chef John Hanke.
Tatsächlich sind die Funde von hochgeheimer Militärausrüstung auf öffentlich zugänglichen Satellitenfotos eher selten. Denn betrieben werden die Satelliten hauptsächlich von US-Unternehmen, die eng mit Militär und Geheimdiensten kooperieren. So wie DigitalGlobe aus Colorado. Die Firma ist Googles Hauptlieferant von hochauflösenden Aufnahmen. Von vornherein werden hier sensible Gebiete weniger hochauflösend fotografiert oder nachträglich retuschiert.
Doch in einer Welt, in der Hunderte Fotoseiten wie Flickr, mit privaten Informationen gespickte Netzwerke wie Facebook und Myspace sowie Blogs vor sich hin wuchern, ist jede Zensur sinnlos. Verschwommene Flecken auf der Landkarte ziehen erst recht Neugierige an – so wie der Wohnsitz von US-Vizepräsident Dick Cheney.
Aber auch Normalbürger sind von Spionage aus der Luft betroffen. Finanzämter haben dank Landkartendiensten wie Google Maps, Yahoo oder Mapquest ausgezeichnete Werkzeuge, um etwa die Kilometerangaben von Spesenabrechnungen zu prüfen. Auch die vermeintliche Größe von Arbeitszimmern oder Fabrikgebäuden lässt sich anhand von Satellitenbildern kontrollieren.
Datensammler wie Whitegold Solutions aus dem kalifornischen San Rafael schlagen aus Spähtouren via Google Earth und Microsoft Earth View inzwischen Kapital. Die Firma ist ein Spezialist im Auswerten von Überwachungsfotos. Jetzt setzt sie diese Techniken dazu ein, um auf Satellitenfotos Swimmingpools, Rasenflächen und Gartenlauben ausfindig zu machen und die Adressen an Dienstleister zu verkaufen. Auch Dachdeckerfirmen nutzen Google Earth, um vorab schon mal zu schauen, ob sich ein Auftrag lohnt.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Noch überwiegt der praktische Nutzen.
Klar, würde eine Regierung solch einen Service betreiben, wäre der Protest groß. Bei Google indes überwiegt – noch – Vertrauen: „Tue nichts Böses“, schrieben die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin im Sommer 2005 in ihr berühmtes Firmen-Manifest. Tatsächlich überwiegt der praktische Nutzen: Die Bilder aus dem Weltall dokumentieren das Abholzen des Regenwalds am Amazonas ebenso wie den Völkermord im sudanesischen Dafur. Als Anfang August in Minneapolis eine Autobahn-Brücke in den Mississippi stürzte, erfuhren Internet-Nutzer mithilfe von Google Maps in kurzer Zeit, wo Hilfseinrichtungen zu finden sind und welche Umleitungen eingerichtet wurden.
Viele freiwillige Helfer arbeiten an der Perfektionierung des Systems mit. Google-Earth-Chef Hanke machte es ihnen leicht, indem er Google Earth und Google Maps wie eine gewaltige digitale Pinnwand konzipierte. Jeder kann sich dort verewigen, Fotos hochladen, Hinweise auf gute Restaurants oder Sehenswürdigkeiten – öffentliche wie private – hinterlassen. Das Kalkül: Je mehr Freiwillige dort publizieren, je interessanter ihre Beiträge sind und zu wiederholten Besuchen einladen, desto mehr Werbegelder können von den Inhabern der Geschäfte, die auf den Karten gelistet sind, eingefordert werden.
Google hat deshalb die Programmiersprache, mit der Zusatzinformationen auf die Karte gepackt werden können, öffentlich gemacht.
Im März 2006 übernahm das Internet-Unternehmen die Firma @Last Software und stellte die Basisversion der 3-D-Software Sketchup kostenlos ins Internet. Jeder kann damit mit etwas Geschick ein digitales Modell seines Hauses bauen und publizieren.
Einer der fleißigen und produktivsten Google-Unterstützer ist James Stafford, unter den Fans von Google Earth als Barnabu bekannt. Der Brite verblüfft mit immer neuen Simulationen, wie beispielsweise einer Animation, die Flugzeuge auf ihrer Route verfolgt. Stafford ist auch eifrig dabei, berühmte Gebäude von London in 3-D nachzubauen und hochzuladen.
In Hamburg und Dresden entschieden die Stadtplaner, gleich selbst eine 3-D-Modellierung in Auftrag zu geben. Das Modell von Hamburg ist in der Google Zentrale in Mountain View so beliebt, dass es Anfang August in das Basismaterial aufgenommen wurde. Die Innenstadt der Elbmetropole ist die erste Innenstadt der Welt, die komplett fotorealistisch und in 3-D dargestellt wird. Das Schweizer Unternehmen Cybercity baute die Stadt zusammen mit dem Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung Hamburg am Computer nach, wandelte Luftaufnahmen der Fassaden mit Spezialsoftware so detailgetreu wie möglich um. Bis auf einen halben Meter kann man sich an einige Stellen heranzoomen. Für Supermarktketten wie Rewe ist es ein ideales Werkzeug, um neue Ladenstandorte auszukundschaften.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Unternehmen optimieren Anwendungen.
Viele Unternehmen bedienen sich inzwischen aus dem Datenfundus des Geo-Informationsdienstes, um eigene Anwendungen zu optimieren.
Seit wenigen Tagen bietet BMW eine Branchensuche über Google Maps an. Die Daten eines Handwerkers oder Geschäfts werden via Mobilfunk an das Navigationssystem im Auto übermittelt und in die Zielführung integriert.
Das VW-Forschungszentrum in Palo Alto arbeitet eng mit Google zusammen, um dessen Informationen direkt ins Navigationssystem einzuspeisen. Statt mit Landkarten und Piktogrammen soll der Autofahrer künftig mit fotorealistischen Ansichten einer Stadt zum Ziel geführt werden.
Dell dirigiert seine Servicetechniker und Lieferungen mithilfe von Google Earth zu Ersatzteillagern und Kunden.
Norsk Hydro koordiniert mit dem System die Suche nach Öl- und Gaslagerstätten.
Der britische Rüstungskonzern BAE Systems nutzt Google Earth in einer Spezial-Software für Militärplaner, mit der Kampfeinsätze vorbereitet werden können.
Doch es sind nicht nur Großunternehmen, die Googles Geodaten kommerziell nutzen. Auch der Winzer Jim Fetzer ist ein Google-Earth-Fan. Seinen ökologisch betriebenen Weinberg nahe Clear Lake, 200 Kilometer nördlich von San Francisco, hat er mit Sensoren gespickt, die regelmäßig den Feuchtigkeitsgehalt der Erde, die Außentemperatur und Sonneneinstrahlung messen und auf Google Earth darstellen. Fetzer steuert so die Bewässerung des Geländes und findet auch den optimalen Zeitpunkt für die Weinlese.
Und auch im Immobilienhandel hat sich das System bewährt. Pete Flynt und Sami Inkinen, zwei Absolventen der Stanford University und Gründer des Jungunternehmens Trulia, nutzen für ihre Immobilien-Vergleichsseite Googles Kartenservice. Heute zählt Trulia dank seiner innovativen Kartendienste zu den meistbesuchten Immobilienseiten in den USA. Auf der Web-Site des Unternehmens erfährt der Nutzer nicht nur, wie hoch die Immobilienpreise in den unterschiedlichen Wohngegenden sind. Auch die genaue Lage eines zum Verkauf stehenden Objekts lässt sich mithilfe von Google Maps erkunden.
Seit Kurzem können angehende Hauskäufer in San Francisco über Google Earth die Objekte und ihre Umgebung sogar in 3-D erkunden. Nicht nur in Potsdam dürften dies die Promis mit Grauen vernehmen.


