Es kommt Bewegung ins Web: Mit dem neuen Internet-Protokoll IPv6 wächst die Zahl möglicher IP-Adressen beinahe ins Unendliche. Der neue Standard verspricht viel Platz im Internet - wird aber auch Kosten verursachen.
HB FRANKFURT/MAIN. Langsam, aber unausweichlich wird es eng im Internet. Das für den Datenverkehr im Netz grundlegende Internet-Protokoll IPv4 ermöglicht 3,7 Milliarden Adressen - bei einer Weltbevölkerung von 6,7 Milliarden sind das deutlich zu wenig. In dieser Woche wollen rund 200 Teilnehmer einer Fachkonferenz in Potsdam die Lösung für das Problem vorantreiben: IPv6 hat mit 340 Sextillionen Adressen praktisch unendlich viel Platz.
Das Internet-Protokoll (IP) ist ein zentraler Standard für die Selbstorganisation des weltweiten Datennetzes. Es ermöglicht eine eindeutige Identifizierung für jedes an das Internet angeschlossene Gerät. Bisher gilt im Netz die IP-Version vier: IPv4 wurde bereits 1981 festgelegt. Es legt die Adressen in einem Datenblock mit einer Länge von 32 Bit ab: Vier Folgen von maximal drei Ziffern zwischen 0 und 255, die durch Punkte abgetrennt werden. Damit sind 4,3 Milliarden. Internet-Adressen möglich, von denen allerdings 600 Millionen reserviert sind, so dass nur 3,7 Milliarden übrig bleiben.
Sehr viel mehr Platz bietet Version 6: IPv6 vergrößert den Datenblock auf 128 Bit, was mehr als 340 Sextillionen Adressen ermöglicht, aufgeteilt in acht Zahlenblöcken. IPv6 wurde bereits im Dezember 1998 als Standard verankert, nachdem die Mängel der Version vier deutlich geworden waren. Richtig in die Gänge gekommen ist IPv6 aber nicht, erklärt Konferenzleiter Christoph Meinel, der das Hasso-Plattner-Institut (HPI) an der Universität Potsdam leitet. Vor allem in den USA hielt sich die Begeisterung in Grenzen - die dort eingerichteten Netze verfügen ja auch über etwa 74 Prozent aller derzeit vergebenen IP-Adressen. Für China und andere asiatischen Ländern sei der Druck der Adressenknappheit aber sehr viel stärker, erklärt Meinel. Daher werde IPv6 dort sehr viel massiver vorangetrieben.
„Inzwischen kommt auch in den USA und bei uns Bewegung hinein“, sagt Meinel. Als treibende Kräfte nennt er den Trend zum „Internet der Dinge“, also der Netzanbindung von elektronischen Geräten aller Art vom Stromzähler bis zum Kühlschrank. Interessant ist das neue Protokoll auch für mobile Anwendungen. Für Handys und andere mobile Geräte gebe es bislang keine feste IP-Adresse, erklärt der Informatiker. Das erschwert die Entwicklung von Web-Anwendungen, die ein Gerät gezielt ansprechen müssen. „Das wird alles mit IPv6 möglich“, sagt Meinel.
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Der Umstellungsprozess wird schrittweise vor sich gehen und betrifft alle Netzanbieter und -nutzer, auch den Endanwender. „Die meisten Provider beschäftigen sich noch nicht genug mit IPv6“, sagt Frank Orlowski vom Internet-Austauschknoten DE-CIX in Frankfurt am Main. „Je früher man damit anfängt, umso besser.“ Es dürfe keine Torschlusspanik aufkommen, aber „irgendwann gibt es nichts mehr, was noch an Adressräumen verteilt werden kann“. Immerhin nutzen nach Angaben Orlowskis bereits 70 bis 80 Provider der 240 am DE-CIX angeschlossenen Netze das neue Internet-Protokoll.
Der Netz-Experte erwartet, dass es eine Übergangszeit geben wird, in der beide Protokolle parallel verwendet werden können. „Irgendwann wird man dann aber das alte Netz abschalten“, erklärt Orlowski. „Das wird ein Prozess sein, der mehrere Jahre in Anspruch nimmt.“ Die Schätzungen für den Zeitpunkt, zu dem es keine freien IP-Adressen mehr geben wird, reichen je nach Szenario von 2010 bis 2012.
Auch der Potsdamer Informatik-Professor Meinel sieht keinen Grund für Panik: „Es ist nicht so, dass plötzlich alles schwarz wird für die, die nicht umgestellt haben.“ Schließlich gibt es auch die als „Tunneling“ bezeichneten Möglichkeiten, Daten des einen Protokolls so zu transportieren, dass sie von einem anderen Protokoll verstanden werden. Allerdings könnte es dabei zu gewissen Leistungseinbußen kommen.
Die Umstellung ist auf Seiten der Provider mit Investitionen in neue Hardware verbunden - die neuen Router müssen dann schließlich mit IPv6 umgehen können. Meinel erwartet aber, dass dies im Rahmen der ohnehin üblichen Erneuerung von Geräten ablaufen kann. Auch der DSL-Router für das drahtlose WLAN-Netz daheim muss dann IPv6 verstehen können, aber Meinel sieht in der Bereitstellung der entsprechenden Geräte kein großes Hindernis: „IPv6 soll nicht teuer werden.“
Für gewichtiger hält der HPI-Direktor die Sorgen nach dem Motto „Never touch a running system“. Mancher werde sagen: „Mein Internet funktioniert doch.“ Solche Bedenken müssten mit einer breiten Aufklärung über die Vorteile überwunden werden.

