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11.02.2008  | Aktualisiert 28.02.2008, 12:59 Uhr 

HB: Wäre eine vollständige Zensur denn überhaupt möglich?

JW: Ich beobachte die Entwicklung in China sehr aufmerksam. Einerseits kann man sagen, der Versuch einer totalen Überwachung des Internets ist misslungen. Denn die jungen Leute, und alle mit einem gewissen technischen Grundverständnis, wissen wie sie die staatliche Firewall umgehen können. Andererseits wirkt die Zensur sehr gut, denn die meisten Nutzer machen sich nicht die Mühe, sie zu umgehen. Und so bekommt eine große Anzahl von Menschen eine verzerrte Sicht der Welt durch das Internet vermittelt. Aus einer rein technischen Sicht ist vollkommene Zensur unmöglich, was im Übrigen auch die Verhinderung von terroristischen Aktivitäten im Web angeht. Aber auf einer gesellschaftlichen Ebene funktioniert sie sehr gut und wenn Überwachungsmaßnahmen zu 99.9 Prozent erfolgreich sind erfüllen sie im Sinne der Initiatoren ihren Zweck.

HB: Ein weiteres Argument für die Regulierung und Überwachung des Internet ist, dass dort an jeder Ecke Betrüger lauern?

JW: Betrug ist ein Verbrechen und sollte auch so geahndet werden. Für die meisten Delikte reichen die bestehenden Gesetze aus, sie müssen evtl. nur um einige neue Tatbestände ergänzt werden und es müssen neue Ermittlungsmethoden entwickelt werden. Etwas anderes ist es, wenn es um die inhaltliche Bewertung von Informationen geht. Derzeit basieren unsere Demokratien auf dem Recht zur freien Meinungsäußerung und dem ungehinderten Austausch von Informationen. Wenn wir hier eine allgemeine Kontrolle oder Zensur einführen wollten, wäre das ein sehr gefährlicher Weg.

HB: Was motiviert Sie bei Ihren Projekten?

JW: Ich möchte Freude an der Arbeit haben und suche die intellektuelle Herausforderung.

HB: Werden Sie Wikipedia auch um gedruckte Produkte erweitern?

JW: Ja, das streben wir an aber es gibt noch keine konkreten Pläne. Wenn ich von unserem großen Ziel ausgehe, dass wir mit Wikipedia ein umfassendes und offenes Lexikon für jeden einzelnen Bewohner auf der Welt bereitstellen wollen, müssen wir darüber nachdenken. Denn nicht jeder hat einen Computer mit Internetzugang. Wir müssen dann die verfügbaren Kanäle anbieten und einer davon ist Papier. Er ist dazu noch günstiger. Das trifft sicher nicht auf Deutschland zu und auf die deutsche Sprache. Aber wenn ich mir vorstelle, ein Lexikon in Hindi zur Verfügung zu stellen für Menschen in Indien, die sich selbst weiterbilden wollen, müsste das in einer gedruckten Ausgabe vorliegen, weil die Anzahl von Menschen mit einem Internetzugang in Indien nach wie vor sehr gering ist. Allerdings ist die Online -Wikipedia in Hindi nicht sehr umfangreich also ist es vermutlich doch besser, etwas in Französisch oder Englisch zu drucken. Außerdem könnte es interessant sein, einzelne Abschnitte auszuklammern und daraus beispielsweise Reiseführer oder Geschichtsbücher zu machen.

HB: Eine letzte Frage: Was ist das nächste "Big Thing on the web"?

JW: Ich glaube, dass sich der Videobereich weiter stark wachsen wird, obwohl hier schon viel passiert ist. Umso mehr Bandbreite die Nutzer haben und umso mehr Möglichkeiten beispielsweise für die gemeinschaftlichen Videoschnitt bestehen, desto interessanter wird das Thema Video.

HB: Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellten: Thomas Knüwer und Julius Endert

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