WashingtonAm Mittwochabend gab es immer noch ein paar, die offenbar ahnungslos in diesen schweren Tag getaumelt waren. „Oh mein Gott, was geht denn bei Wikipedia ab?“, twitterte ein besorgter Internet-Nutzer namens YungRichDvanh. Eine andere, Ni4mhLouise, fragte bang: „Wikipedia ist jetzt aber nicht für immer weg, oder?“. Und _harrygibson tippte vor lauter Entsetzen in Großbuchstaben: „Wikipedia, gerade jetzt brauche ich Informationen für meinen Aufsatz. Warum tust Du mir das an?“
Die User mussten nicht mehr lange leiden. Seit Donnerstagmorgen, 0 Uhr, können Amerikas Schüler, Studenten, Doktoranden und Journalisten durchatmen: Wikipedia ist wieder erreichbar. Aus Protest gegen zwei geplante US-Gesetze zum Schutz des Urheberrechts hatte die Online-Enzyklopädie am Mittwoch ihre englischsprachige Seite 24 Stunden lang blockiert, und Tausende populäre Sites taten Ähnliches. Eine einmalige Aktion in der kurzen Geschichte des Internets.
Schließlich ging es um einen Kampf zweier Giganten: Auf der einen Seite die Internet-Buden aus dem Silicon Valley, die gegen Beschränkungen im Netz Sturm laufen. Auf der anderen Seite Hollywood und die Musikindustrie, die an Raubkopierern verzweifeln. Eine PR-Schlacht sondergleichen. Bilanz des Tages: 1:0 für das Internet.
Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz ACTA, ist ein internationales Handelsabkommen das derzeit zwischen 39 Ländern - darunter auch die 27 EU-Staaten - verhandelt wird. ACTA soll internationale Standards im Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen setzen.
Netzaktivisten befürchten, ähnlich wie bei PIPA und SOPA in den USA, dass die Haftung für Inhalte durch ACTA auf Provider und Plattformanbieter verlagert würde, wodurch Überwachung und Zensur von Inhalten gefördert würde. Das EU-Parlament muss dem Abkommen zustimmen, damit es in der EU in nationales Recht umgesetzt wird.
Stop Online Piracy Act, kurz SOPA, heißt das gegen Internet-Piraterie geplante Gesetz, das derzeit im Repräsentantenhaus diskutiert wird. Das Repräsentantenhaus ist neben dem Senat eine der beiden Kammern des US-Parlaments. Beide Kammern des Parlaments werden gemeinsam als Kongress bezeichnet.
Der Gesetzentwurf wurde am 26. Oktober 2011 vom republikanischen Abgeordneten Lamar Smith aus Texas vorgelegt. Zurzeit berät der Justizausschuss der Parlamentskammer über SOPA.
Der Protect IP Act, kurz PIPA, ist ein ganz ähnlicher Gesetzesvorschlag wie PIPA, der derzeit im Senat diskutiert wird - der zweiten Kammer des US-Parlaments. IP steht dabei für Intellectual Property, als geistiges Eigentum. Der Senat stimmt am 24. Januar zunächst über Verfahrensfragen bei der Behandlung von PIPA ab. Eingebracht wurde PIPA vom demokratischen Senator Patrick Leahy in Vermont.
Ursprünglich waren sowohl in PIPA als auch in SOPA Netzsperren für Inhalte im Auslands vorgesehen. Inzwischen scheinen diese Vorschläge vor allem aus IT-Sicherheitserwägungen vom Tisch. Die Netzsperren sollten über Manipulationen am Domain Name System (DNS) umgesetzt werden. Das DNS sorgt dafür, dass eine bestimmte Webadresse einer bestimmten IP-Adresse zugeordnet wird. So wird beispielsweise http://www.handelsblatt.com in http://217.110.229.130 umgewandelt. Eine Manipulation dieser Einträge, um den Zugriff auf ausländische Seiten mit illegalen Inhalten zu sperren, steht im Widerspruch zu Bemühungen Manipulationen an DNS-Einträgen durch technische Maßnahmen zu verhindern. Die Manipulation von DNS-Einträgen wird auch von Cyberkriminellen genutzt, um Nutzer auf falsche Websites zu lotsen.
Schon am Morgen dürfte den wenigsten in den USA mit Internetanschluss entgangen sein, dass an diesem Mittwoch etwas anders sein würde. Die Zeitungen und Frühsendungen feixten und waren voller Erwartungen, was wohl passieren würde.
Um Mitternacht hatte Google sein buntes Logo hinter einem schwarzen Rechteck versteckt. Und Wikipedia war verschwunden, stattdessen waren nur ein paar Zeilen zu sehen: „Stell Dir eine Welt ohne freies Wissen vor“, hieß es dort pathetisch vor schwarzem Hintergrund. „In mehr als einem Jahrzehnt haben wir Millionen von Stunden dafür aufgebracht, die größte Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte zu erbauen“. Doch jetzt sei das Werk bedroht: Der US-Kongress sei im Begriff, das freie und offene Internet zu zerstören.
Gegen 8 Uhr kamen dann auch noch Mozilla und Reddit dazu, ebenso Craigslist und unzählige kleine Seiten wie Minecraft, Failblog oder icanhazcheeseburger.com, die lustige Katzenbilder zeigt. Bei Facebook und Twitter war das Thema den ganzen Tag ein Aufreger. Unterstützt von einer wohlwollenden Presse schafften es die Protestler ein Thema zu setzen, von dem meisten Leuten noch vor ein paar Tagen keine Ahnung hatten.
@ braunm
Leider haben Sie keine Ahnung. Die Abgaben sind überhaupt nicht erheblich, sondern - von ein paar Ausnahmen abgesehen - beschämend lächerlich.
Als Autor (Journalist) wäre ich ja froh, es gäbe Milliarden für die Kreativen. :-)
Aber nicht einmal die Gema als mächtigste Verwertungsgesellschaft in Deutschland bekommt auch nur eine Milliarde. Die VG Wort, die mich vertritt, hat gute 100 Millionen pro Jahr zu verteilen. Selbst wenn man die Bild-Kunst dazurechnet, ist man von einer (!) Milliarde noch ein Stück weg.
Die Verwerterlobby bekommt im deutschen Urheberrecht weniger ab als die Kreativen (bei uns in der VG Wort sind es normalerweise 30:70 zugunsten der Autoren). Unfairer als die Verlage sind in Wahrheit Firmen wie Grooveshark: Ihr Geschäftsmodell besteht darin, die kreative Leistung Dritter auszuschlachten, aber nichts in die Herstellung der Werke zu investieren. Musikautoren haben nur eine Chance, für diese Art der Nutzung eine Vergütung zu bekommen - über die GEMA.
Übertreiben Sie nicht so. Eine Musikdatei kostet doch keine zwei Euro. Im Prinzip haben Sie natürlich recht. Man müsste als Vergleich für das Gros solcher Sammlungen schon den Preis von CDs am Ramschtisch zu Grunde legen, also eher 40 Cent pro Song. Dann wäre wir nicht bei Ihren maßlos aufgerundeten 20.000 € Schaden und nicht bei 9.900 € Einzel-VP, sondern bei 4.000 €.
Wenn Sie all das, was Gema-Gebühren kostet, wirklich für Mist hielten, könnte es Sie nicht stören, dass die Gema die Hand dafür aufhält.
Man kann sicher darüber streiten, ob bestimmte Gema-Tarife nicht unangemessen sind. Aber grundsätzlich werden Sie sich schon damit abfinden müssen, dass Kreative mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen. Sie durften in der Analogzeit auch keine Schallplatten oder Videokassetten stehlen, deren Verkaufspreis ja nicht als Bezahlung des Materials gedacht war.
Ich vermute mal, Sie verwechseln bei "frei zugänglich" die deutsche Haupt-Wortbedeutung von "frei" (ungehindert) mit der englischen ("free" = gratis). Sie haben freien Zugang zu Bier, aber keinen Anspruch auf Freibier.
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