
DüsseldorfWenn Unternehmen passende Internetadressen suchten, wurden sie bislang oft in der Südsee fündig. Fernsehsender nutzen gern das Länderkürzel von Tuvalu (.tv), Radiosender die Adressen der Föderierten Staaten von Mikronesien (.fm) und auch Tonga wird unter .to häufiger im Netz als in der realen Welt angesurft. Doch solche Zweckentfremdung von Ländernamen wird bald überflüssig, denn im kommenden Jahr beginnt die totale Freiheit im Netz.
Hintergrund ist eine radikale Ausweitung des Adressraums: Die für die Regulierung des Datennetzes zuständige Behörde Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), bei der heute die dreimonatige Bewerbungsfrist beginnt, erlaubt künftig fast jede Endung. Zu den bisher geläufigen Länderkürzeln wie .de für Seiten aus Deutschland, sowie den 21 sogenannten generischen Top-Level-Domains wie .com oder .org, könnten Hunderte neue Endungen dazukommen. Adressen-Endungen wie .berlin, .gmbh oder .shop werden damit bald normal.
Drei Dax-Konzerne wollen sich eigene Adress-Endungen zulegen. „Wir bewerben uns um .sap“, erklärte SAP gegenüber der Wirtschaftswoche. Der Softwarekonzern erhofft sich davon „neue Möglichkeiten im Marketing“. Auch der Essener Energiekonzern RWE und Linde werden sich um eine neue Adress-Endung bemühen. Der Münchner Industriegasehersteller verspricht sich davon unter anderem „eine schnellere Auffindbarkeit in Suchmaschinen, eindeutige Identifizierbarkeit oder die direkte Weiterleitung auf die jeweilige Landesseite“.
Mit neuen Top Level Domains (TLD) wird der Namensraum im Internet ausgeweitet. Neben den Länderkürzeln (wie .de) und 21 generischen Top Level Domains (wie .org, .net, .com) wird es hunderte neuer Adress-Endungen geben. Die zuständige Behörde Icann hat jahrelang über die Ausweitung beraten.
Bekannte deutsche Bewerber sind .berlin, .hamburg, .koeln und .bayern. International gibt es Pläne für .paris, .london, .tokyo oder .nyc. Mehr als 100 Städte, Regionen und Initiatitiven haben Bewerbungen angekündigt. Zu den geplanten Endungen gehören: .gmbh, .shop, .bank, .reise, .hotel, .music, .film oder .app.
Das Bewerbungsverfahren beginnt am 12. Januar 2012 und dauert drei Monate. Danach folgt eine lange Prüfung der Anträge, frühestens 2013 werden die ersten neuen Top Level Domains im Netz sein.
Am 12.1.2012 beginnt die dreimonatige Bewerbungsfrist, allerdings müssen sich Interessenten spätestens bis zum 29. März registrieren. Voraussichtlich am 1.Mai soll die Liste der Bewerbungen veröffentlicht werden. Dieses Datum sollten sich auch Unternehmen vormerken, die sich nicht bewerben, um zu prüfen ob möglicherweise Markenrechte verletzt wurden.
Bei konkurrierenden Bewerbungen haben Markeninhaber Vorrang. Allerdings könnte es trotzdem zu Streitfällen kommen sein, beispielsweise wenn sich um .bounty der Schokoriegelhersteller und der Küchenrollenproduzent bewerben. Können sich beide nicht auf eine gemeinsame Nutzung einigen, kommt es zu einer Auktion.
Als weiterer Schutzmechanismus soll ein Trademark Clearinghouse eingerichtet werden – bei diesem Zentralregister können Marken registriert werden. Das genaue Prozedere ist jedoch noch unklar.
Nach Einschätzung vieler Experten nicht, zumindest für die Adress-Endungen selbst. Dafür ist das Verfahren auch viel zu teuer und aufwändig. Jedoch könnten künftig viele Adressen mit den neuen Endungen registriert werden, die Markenrechte verletzten. Der Beobachtungsaufwand steigt auf jeden Fall.
Allein die Bewerbungsgebühr bei der Icann beträgt 185.000 Dollar. Zudem sind die technischen und juristischen Anforderungen hoch: Jeder der eine der neuen Topleveldomains betreibt, hat ähnliche Rechte und Pflichten, wie die DENIC, die jetzt die .de-Adressen verwaltet. Daher können sich auch keine Privatpersonen bei der ICANN für die neuen Endungen bewerben, sondern nur Firmen und Organisationen, die bestimmte Anforderungen erfüllen. Dazu gehört ein Nachweis der technischen Befähigung. Experten schätzen den Aufwand im ersten Jahr auf mindestens 500.000 eher eine Million Euro.
Schon jetzt kann man sich Domains mit den neuen Adressen reservieren, teils direkt bei den Bewerberinitiativen, teils bei den üblichen Registraren die auch bisherige Adressen vermitteln. Die Kosten dürften später ähnlich wie bei bisherigen Domains liegen: Von zweistelligen Eurobeträgen für normale, wenig gefragte Adressen bis zu sechs- und siebenstelligen Summen bei besonders attraktiven Begriffen.
Befürworter hoffen auf neue Marketingmöglichkeiten und ein besseres Ranking in Suchmaschinen, wenn die gefragten Begriffe Teil der Domain sind. Zudem steigt die Zahl der Kombinationsmöglichkeiten und neuer, noch freier Domains immens. Die große Frage ist jedoch, ob und welche TLD sich durchsetzen. Denn einerseits lassen sich sehr eindeutige und attraktive Adressen bilden, andererseits wird das Netz dadurch viel unübersichtlicher. Entscheidend für den Erfolg wird es sein, ob und wie große Unternehmen die Adressen nutzen und vermarkten.
Für Unternehmen sind die Top-Level-Domains jedoch nicht billig. Allein als Bewerbungsgebühr verlangt Icann einmalig 185.000 Dollar, dazu kommt hoher juristischer und technischer Aufwand beim Betreiben der Endungen. „Eine Million Euro im ersten Jahr muss man mindestens kalkulieren“, sagt Thorsten Troge, Markenrechtler bei der Anwaltskanzlei TaylorWessing.
Das lässt selbst viele große deutsche Unternehmen zögern: Laut einer Umfrage der WirtschaftsWoche verzichtet mehr als ein Viertel der 30 größten börsennotierten Unternehmen auf eine Bewerbung, „Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis“, heißt es bei Siemens. „Das jetzige System ist etabliert und funktioniert.“ Neben den Münchenern verzichten auch Allianz, BASF, Beiersdorf, K+S, Lufthansa, Metro, Munich Re und Salzgitter auf eine Bewerbung.
„Derzeit ist noch unklar, ob sich die neuen Top-Level-Domains dauerhaft durchsetzen werden“, begründet BASF seinen Verzicht. Die Verunsicherung ist groß, zwei Drittel der Befragten haben sich daher kurz vor dem Start der Bewerbungsphase noch nicht endgültig entschieden oder wollten sich zu den Plänen nicht öffentlich äußern. International haben bislang Canon, Deloitte und Hitachi gesagt, dass sie eine Bewerbung planen.