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US-Nachahmer: Wo deutsche Startups internationale Trends setzen

Von StudiVZ über brand4friends bis zu Dawanda: Bekannte deutsche Startup-Unternehmen sind fast alle nahezu Eins-zu-eins-Kopien erfolgreicher amerikanischer Vorbilder. Doch auf einem Gebiet ist Deutschland Trendsetter: Bei Thema Mass Customization - dem Vertrieb individualisierter Massenprodukte.

von Stephan Dörner
Die drei MyMuesli-Gründer Hubertus Bessau, Max Wittrock und Phillipp Kraiss. Deutsche Startups sind beim Thema Mass Costumazation zumindest zahlenmäßig führend. Quelle: dpa
Die drei MyMuesli-Gründer Hubertus Bessau, Max Wittrock und Phillipp Kraiss. Deutsche Startups sind beim Thema Mass Costumazation zumindest zahlenmäßig führend. Quelle: dpa

DÜSSELDORF. Bei Startup-Geschäftsmodellen gibt es normalerweise nur eine Richtung: Von West nach Ost. So gut wie alle bekannten deutschen Startup-Unternehmen haben einfach ein amerikanisches Geschäftmodell kopiert. Das populärste Beispiel ist wohl StudiVZ. Eine Plagiatsklage des amerikanischen Vorbilds wird derzeit vor Gericht verhandelt.

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In der deutschen Gründerszene sind die sogenannten Copycats - das einfache Kopieren eines bestehenden Geschäftsmodells aus einem anderen Land - ein Dauerbrenner. Viele Branchenbeobachter in der Startup-Community kritisieren die geringe Innovationsfreude der deutschen Web-Gründungen.

"Das ist eine Diskussion, die alle sechs, sieben Monate wieder aufkommt", sagt Alexander Hüsing, Chefredakteur bei dem Branchen-Blog deutsche-startups.de. Dabei werde jedoch die Leistung verkannt, die es bedeute, ein in einem anderen Land erfolgreiches Geschäftsmodell auf den lokalen Markt zu adaptieren. "Nur weil ein Konzept in den USA funktioniert, muss das nicht auch in Deutschland der Fall sein. Das Projekt hierzulande voranzutreiben, ist die eigentliche Arbeit", so Hüsing.

Sobald ein US-Startup erfolgreich ist, sprießen deutsche Klone wie Pilze aus dem Boden. Die meisten davon werden allerdings nicht erfolgreich. So haben die zahlreichen deutschen Twitter-Klone inzwischen fast alle ihren Betrieb eingestellt. Der jüngste kometenhafte Aufstieg aus der Startup-Welt gelang der amerikanischen Rabatt-Website Groupon. Die Website bietet ihren Nutzern lokal begrenzte Rabatte an, solange genügend Nutzer zuschlagen. Auch dieses Konzept fand zahlreiche Nachahmer in Deutschland. Der deutsche Marktführer Citydeal wurde jüngst von Groupon geschluckt - und hat damit in der Gründerszene die alte Copycat-Diskussion wieder in Schwung gebracht.

Übersehen wird dabei jedoch meist, dass es auch den umgekehrten Weg gibt: Nämlich erfolgreiche deutsche Geschäftsmodelle, die in den USA Nachahmer finden. Das US-Technologieblog "Read Write Web" sieht schon eine "europäische Invasion" von Startups in die USA, die das Konzept der Individualisierung von Massenprodukten verfolgen. Denn in diesem Bereich sind deutsche Startups tatsächlich internationale Trendsetter. Das Thema Mass Customization machten hierzulande zwei erfolgreiche Startups bekannt: Bei MyMuesli können sich Kunden ihr eigenes individuelles Müsli zusammenstellen, ein ähnliches Konzept hat Spreadshop für T-Shirts mit individuellen Ausdrucken popularisiert.

Beide Geschäftsmodelle haben inzwischen international zahlreiche Nachahmer gefunden. Das US-Startup me & goji hat das MyMuesli-Konzept kopiert, das US-Unternehmen Blank Label eifert den deutschen Startups Youtailor und Herrenschmiede nach, die individualisierte Maßanzüge anbieten.

Eine noch laufende Studie an der Fachhochschule Salzburg untersucht derzeit 501 dieser Unternehmen, die sich auf die individuelle Anpassung massenhaft hergestellter Produkte spezialisiert haben. Über ein Drittel der untersuchten Firmen besitzt demnach eine .de-Domain. Das geht aus einem Zwischenergebnis der Studie hervor, die Handelsblatt Online vorliegt.

Alexander Hüsing kennt auch Beispiele abseits der Mass Customization, bei denen deutsche Gründungen Vorbild sind. So habe der deutsche Mietmarktplatz Erento amerikanische Nachahmer gefunden. Auch bei den Hype um Browserspielen waren deutsche Startups wie Gameforge, Big Point und Innogames Vorreiter. "Dann haben sie aber leider den Trend der Social Games ein bisschen verschlafen", so Hüsing. Inzwischen feiert der amerikanische Hersteller Zynga mit Browsergames wie Farmville große Erfolge. Dabei nutzt Zynga Facebook, um die Spiele mit den virtuellen Freunden der Spieler zu verknüpfen.

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Doch warum wird überhaupt so viel kopiert in der deutschen Gründerszene? "Leider ist es immer noch so, dass es deutlich leichter ist, Geld von Investoren zu bekommen, wenn sich das Geschäftsmodell bereits bewährt hat", so Hüsing. Innovationen in Deutschland gibt es aber dennoch. Als Beispiel nennt Hüsing den deutschen Online-Kartenabieter "Step Map", das individuelle Landkarten für andere Websites anbietet.

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  • 09.03.2011, 19:57 Uhrocci

    Vollkommen richtig, was Alexander Hüsing sagt. Investoren sind es oftmals, die innovativen Startups aus Deutschland den Rücken kehren und lieber in Copycats investieren. Da kann man noch so gute Ideen haben... wenn sich nihct finanziert werden, bringt es alles nichts. StepMap ist da eine tolle Ausnahme.

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