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16.04.2008 
Medikamente

Leckere Pillen

von Eva Tenzer

Wenn die Medizin nicht schmeckt, dann wird die Therapie zur Tortur. Vor allem Kinder sind hier empfindlich und verweigern die Einnahme selbst lebenswichtiger Arznei. Mit Hilfe von Zusatzstoffen versuchen einige Pharmahersteller, das Problem zu entschärfen. Ein Blick in die Welt der Bitterblocker.

Zusatzstoffe sollen Pillen schmackhafter machen. Foto: dak

Zusatzstoffe sollen Pillen schmackhafter machen. Foto: dak

DÜSSELDORF. Jeder, der einmal Medizin schlucken musste, weiß: Medikamente schmecken nicht. Tabletten sind keine Bonbons, Kreislauftropfen kein Fruchtsaft, Kapseln zergehen nicht auf der Zunge wie Schokolade. Wenn Patienten ihre Medikamente nicht wie verordnet nehmen, liegt das nicht nur an den befürchteten Nebenwirkungen. Die Gründe liegen auch bei den Arzneien selbst.

Dem steuern Pharmaunternehmen verstärkt mit geschmacklich optimierten Produkten gegen. Unterstützt werden sie dabei von der Sensorikforschung, die auf solche Fragen spezialisiert ist. So testete das kanadische Sensorikinstitut Applied Consumer&Clinical Evaluations (ACCE) in Mississauga, Ontario, Schmerzmittel für Kinder. Die Forscher fanden heraus, welche Formen, Farben und Geschmäcker Kinder vorziehen. Das Ergebnis: neu entwickelte zart schmelzende bonbonartige Pillen mit Namen wie Wacky Watermelon oder Bubblegum Burst.

Auch deutsche Hersteller setzen auf Fruchtgeschmack. Beispiel: MSD Sharp&Dohme, Teil des amerikanischen Pharmariesen Merck, bietet eine spezielle Asthma-Kautablette für Kinder mit Kirscharoma an. Bayer Health Care verkauft den bitteren Wirkstoff Ciprofloxacin als Granulat in einer nach Erdbeere schmeckenden Emulsion. Zusammengerührt ergibt beides einen Saft, der empfindliche Geschmacksnerven schont.

Das Pharmaunternehmen Grünenthal wiederum ging beim Antibiotikum Clarosip innovative Wege. Gerade Antibiotika schmecken häufig sehr bitter, deshalb wird das Mittel zum Granulat verarbeitet und in einen Trinkhalm gefüllt. Bevor Kinder überlegen können, ob es schmeckt, haben sie es samt der Flüssigkeit bereits geschluckt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kampf um den Kunden

Nach Meinung von Sensorikern wird zwar noch zu wenig in Sachen Geschmacksverbesserung von Medikamenten geforscht, etwa an Bitterblockern. "Doch immer häufiger bitten uns Pharmaunternehmen um Unterstützung bei der Neuentwicklung von Produkten oder bei der Verbesserung bereits fertiger", berichtet Anne Goldman vom ACCE. Vor allem Kinder, chronisch und schwer Kranke sowie sehr geschmacksempfindliche Erwachsene profitieren von den Geschmackszusätzen.

Auch die Kassen freuen sich, denn optimierte Medikamente verbessern die Mitarbeit der Patienten: Geschmacksempfindliche Personen nehmen die verschriebenen Medikamente tatsächlich ein und werfen sie nicht nach der ersten Kostprobe weg. Das macht Therapien erfolgreicher und senkt Kosten. Schätzungsweise sechs Milliarden Euro werden mangelnder Patienten-Mitarbeit jedes Jahr verschleudert. Ein Drittel der Summe fällt in der Arzneimittelversorgung an. "Daher sind alle Anstrengungen willkommen, die die Einnahme von Arzneimitteln fördern", sagt der Bremer Arzneimittelversorgungsforscher Gerd Glaeske.

Angesichts des boomenden Gesundheitsbewusstseins hoffen die Pharmahersteller auf gute Umsätze mit den sogenannten OTC-Präparaten (over the counter) zur Selbstmedikation. Bei Arzneien, die selbst bezahlt werden müssen, entscheidet jedoch deren Geschmack und Mundgefühl noch viel stärker mit über deren Erfolg. Bei der wachsenden Auswahl an frei verkäuflichen Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln sagt nämlich keine Autorität im Rücken, für welches Produkt man sich entscheiden soll.

Zwar finden es Experten durchaus heikel, wenn Geschmacksoptimierungen den Konsum rezeptfreier Arzneimittel, Vitamin- und Mineralpräparate erhöhen. Nach Meinung von Glaeske müsse vermieden werden, Medikamente in die Nähe von Nahrungsmitteln zu rücken. Denn es erhöhe die Gefahr, dass die Einnahme solcher Mittel zum Spaßfaktor werde: "Arzneien sind keine Mittel für eine konsumierbare Gesundheit oder Dopingmittel für den Alltag. Dieser Unterschied sollte sich auch in den Zubereitungsformen widerspiegeln."

Dennoch bieten sich die besten Marktpotenziale für sensorisch optimierte Arzneien genau auf diesem Gebiet. WackyWatermelon und Bubblegum Burst etwa werden in Kanada und den USA erfolgreich von McNeil Consumer Healthcare, einem Spezialisten für OTC-Präparate, vertrieben. Wie bei Nahrungs- und Genussmitteln, wo sensorische Qualitäten seit jeher eine zentrale Rolle spielen, und wo die Sensorikforschung ihr Hauptaufgabefeld hat, werden die Hersteller weiterhin versuchen, ihre Kunden auch über den Geschmack zu erreichen.

Das dürfte künftig zu weiteren Innovationen führen, - wenn man auch in Deutschland sicher noch weit entfernt ist von einer Schmerzpille der Sorte Kaugummi-Kracher. Das erlebt etwa Grünenthal, dessen Antibiotikum-Trinkhalm mittlerweile nur im Ausland vertrieben wird. Deutsche Ärzte verschreiben ihn nicht, weil er teurer ist als ein herkömmliches Wettbewerbsprodukt.

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