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13.05.2008 
Diagnostik

Marker verbessern die Früherkennung

von Dietrich von Richthofen

Ist es nur zunehmende Schusseligkeit oder Alzheimer? Eine zuverlässige Antwort auf diese Frage wollen Mediziner mit speziellen Scannern liefern. Neue bildgebende Verfahren sollen Alzheimer, Krebs und Herzerkrankungen auf einen Blick sichtbar machen - Marktforscher erhoffen sich ein großes Geschäft mit den radioaktiven Markern.

BERLIN. "Wir können Alzheimer heute schon Jahre vor dem Ausbruch diagnostizieren", verspricht Alexander Drzezga von der Nuklearmedizinischen Klinik der TU München. Bei der neurodegenerativen Erkrankung sterben die Nervenzellen im Gehirn ab, eine halbe Million Menschen in Deutschland sind betroffen. Die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen macht der Arzt nun mit Kontrastmitteln am Bildschirm sichtbar.

Für die neue Diagnosemethode injizieren die Mediziner schwach radioaktive Moleküle, die an den Eiweißablagerungen, den sogenannten Amyloid-Plaques, andocken. Anschließend macht ein spezieller Scanner, der Positronen-Emissionstomograph (PET) Schicht für Schicht Aufnahmen vom Gehirn. Der PET-Scanner verfügt über spezielle Sensoren, die die radioaktive Strahlung der Moleküle in Lichtsignale umwandeln und abbilden. So werden die Plaques im Hirngewebe sichtbar.

Derzeit laufen klinische Studien, in wenigen Jahren könnte die Methode im klinischen Alltag zur Früherkennung dienen. Das Marktforschungsinstitut Kalorama schätzt, dass ein zuverlässiger diagnostischer Marker jährlich Umsätze von etwa zwei Mrd. Dollar einspielen könnte.

Die Experten sind sich einig: Auch in der Diagnose von Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs könnte die molekulare Bildgebung mit PET immer größere Bedeutung erlangen. In der Krebserkennung wird die Technik schon heute eingesetzt, um selbst kleinste Metastasen exakt zu orten. Als Marker verwenden die Ärzte dafür radioaktiven Traubenzucker. Durch den erhöhten Energieumsatz reichern Krebszellen vermehrt Zucker an und leuchten so auf dem Bildschirm. Als Non plus ultra gilt derzeit die PET-CT, eine Kombination aus PET und Computertomographie (CT). Während die PET kleinste Tumore aufspürt, liefert die CT-Untersuchung scharfe anatomische Aufnahmen, die eine genaue Lokalisierung der Krebsherde erlauben.

Für die Krebsdiagnostik werden inzwischen auch eine Reihe weiterer Marker verwendet. Spezialisten geben beispielsweise radioaktiv markiertes Thymidin, ein Baustein der Erbsubstanz. Die Untersuchung gibt Aufschluss über die Teilungsaktivität der Tumorzellen und verrät den Ärzten schon nach wenigen Tagen, ob der Krebs auf eine Chemotherapie anspricht oder nicht. "Dadurch erspart man dem Patienten unwirksame Therapieversuche und gewinnt Zeit", erklärt Michael Schäfers, Leiter des Europäischen Instituts für Molekulare Bildgebung an der Universität Münster. Ohne die PET-Untersuchung sehen die Ärzte erst nach mehreren Wochen, ob die Therapie wirkt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Potenzial der molekularen Bildgebung.

Das Potenzial der molekularen Bildgebung ist damit aber bei weitem nicht ausgeschöpft. "Die Anzahl der in Entwicklung befindlichen Marker ist unüberschaubar", sagt Schäfers. Die Neubildung von Blutgefäßen in Tumoren, die Sauerstoffversorgung im Krebsgewebe, das Absterben der Krebszellen - all dies solle künftig im PET darzustellen sein. Auch Gefäßerkrankungen sollen bereits im Anfangsstadium sichtbar werden.

Schon jetzt liegen die weltweiten Umsätze in Milliardenhöhe. Marktforscher geben Wachstumsprognosen für die neuen Technikern der molekularen Bildgebung von rund zehn Prozent jährlich. Vor allem der Umsatz mit radioaktiven Markern verspricht laut Analysen ein großes Geschäft zu werden. Neben traditionellen Herstellern von Kontrastmitteln wie Bayer Schering, Bracco oder Mallinckrodt investieren auch die großen Medizintechnik-Hersteller wie Siemens, Philips und GE Healthcare in die Entwicklung neuer Marker. Doch die industrielle Produktion ist logistisch schwierig, denn die schwach radioaktiven Substanzen zerfallen schnell. Noch werden die meisten Marker deshalb von den Kliniken selbst hergestellt, was allerdings nur möglich ist, wenn in der Nähe ein Teilchenbeschleuniger steht.

Ob das PET-CT-Verfahren auch für Massen-Screenings in Frage kommt, hält Schäfers auch aus Gründen der Strahlenbelastung für eher unwahrscheinlich. Der Einsatz des Verfahrens sei vor allem bei Patienten mit einem hohen Krankheitsrisiko sinnvoll. Auch die vergleichsweise hohen Kosten einer PET-CT- Untersuchung sprächen gegen einen Masseneinsatz. Bis vor kurzem hatten sich die gesetzlichen Krankenkassen geweigert, die Kosten dafür zu übernehmen. Mittlerweile werden Untersuchungen bei Lungenkrebs bezahlt, für andere Krebsarten steht eine Entscheidung noch aus.

Indessen feilen die Medizintechnik-Hersteller an weiteren Kombinationsmöglichkeiten für die molekulare Bildgebung. So hat Siemens vor kurzem in Tübingen den Prototypen eines Magnetresonanztomographen (MRT) mit eingebautem PET eingeweiht. Das Gerät wird derzeit in Tierversuchen erprobt. MRT-Geräte arbeiten ohne Röntgenstrahlung und stellen das weiche Gewebe kontrastreicher dar als CT-Aufnahmen.

Auch den Ultraschall wollen die Forscher künftig für die molekulare Bildgebung nutzbar zu machen. Ultraschallgeräte sind billig in der Anschaffung, stehen in den meisten Arztpraxen und arbeiten ohne Strahlenbelastung. Für Untersuchungen der Gefäße und des Herzens setzen Mediziner bereits spezielle Ultraschall-Kontrastmittel ein - kleine Bläschen, die in die Blutbahn injiziert werden und den Schall zurückwerfen. Diese Bläschen sollen künftig mit Molekülen verknüpft werden, die an Krebszellen oder Kalkablagerungen in den Blutgefäßen binden und sie so sichtbar machen.

Der Clou: Die Bläschen lassen sich auch gleich mit Medikamenten beladen. So könnte man Wirkstoffe über die Blutbahn bis zum Ort des Geschehens transportieren und dort mit einer speziellen Ultraschallfrequenz zum Platzen bringen - die Diagnose und Therapie in einem.

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