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06.05.2008 
Biotechnologie

Proteine legen Krebszellen lahm

von Susanne Donner

Das bayerische Biotech-Start-up Pieris schleust mit einer neuartigen Methode Medikamente in bösartige Tumore. Und weil sie clever genug waren, sich ihre Verfahren in ganz Europa und den USA pantentieren zu lassen, haben sie nun einen riesigen Vorsprung.

Die neuen Substanzen wirken wir Antikörper.

Die neuen Substanzen wirken wir Antikörper.

BERLIN. Arne Skerra hat dem Krebs den Kampf angesagt. Der Gründer des Freisinger Biotechnologie-Unternehmens Pieris setzt dabei auf künstliche Proteine, die Botenstoffe aus Tumoren einfangen und Wirkstoffe gezielt dorthin bringen sollen. Die sogenannten "Anticaline" hätten "großes Potenzial, zur nächsten Medikamentengeneration nach den Antikörpern zu werden", sagt Skerra.

Die Proteine aus Freising wirken ähnlich wie Antikörper, die ein gesunder Körper normalerweise selbst herstellt. Die Anticaline haben ihnen gegenüber aber Vorteile: Sie sind acht Mal kleiner und können daher leichter in die Zwischenräume von Zellen eindringen. Außerdem sind sie stabiler und wirken länger. Zur ihrer Herstellung nutzen die Wissenschaftler einfache Bakterien oder Hefezellen. Neben der Krebsbehandlung könnten die Anticaline beispielsweise auch zu neuen Arzneien gegen Augenkrankheiten, Aids oder Asthma führen.


Tabelle  Infografik: Wie die Technik im Kampf gegen Krebs funktioniert


Das junge Unternehmen Pieris mit seinen 35 Beschäftigten hat dabei einen Startvorteil: Keine andere Firma forscht derzeit an den Proteinen, weil die Freisinger die Technik in Europa und den USA vollständig für sich patentiert haben. "Das ist ein Riesenvorteil für Pieris", sagt Jens Schneider-Mergener, Vorstand der Berliner Biotech-Firma Jerini. "Der Markt für Antikörper ist dagegen durch unzählige Patente verschiedener Firmen abgedeckt." Wer einen neuen Wirkstoff herstellen möchte, muss Lizenzgebühren zahlen - das schmälert die Gewinnaussichten.

Die Pieris- Forscher ahmen mit ihren Anticalinen natürliche Stoffe im Körper nach. Im menschlichen Blut schwimmen kelchförmige Proteine, die Vitamine, Boten- und Mineralstoffe zu den Organen befördern. Diese heißen "Lipocaline", abgeleitet vom griechischen "Calyx" für Kelch. Skerra entdeckte schon in den 90er-Jahren, dass an ihren Rändern vier Schleifen sitzen, mit denen sie ihre Fracht befestigen. Ein Prinzip, das Skerra an die Wirkweise von Antikörpern erinnerte. Diese docken auf ähnliche Weise an Eindringlinge wie Krankheitserreger an und alarmieren so das Immunsystem.

Schon heute nutzen Pharmaunternehmen Antikörper in großem Stil. Beispielsweise heftet sich das Präparat Avastin des seit bereits 30 Jahren im Biotech-Bereich forschenden Konzerns Roche Pharma an eine Substanz in Krebsgeschwüren und bekämpft sie auf diese Art. Obwohl es erst seit drei Jahren auf dem Markt ist, avancierte es zum Blockbuster-Medikament.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wirkung bei Menschen noch unsicher

Das gleiche sollen die Anticaline aus Bayern leisten. An einem Lipocalin aus dem Großen Kohlweißling, dem Schmetterling Pieris brassicae, demonstrierte Skerra bereits, dass sich die Kelche von Lipocalinen nach Belieben verformen lassen. "Wir können die Größe, die Gestalt und die Eigenschaften der Bindungstasche nach Maß schneidern", sagt Skerra.

Gentechnisch veränderte "Escherichia coli"-Bakterien produzieren die Proteine inzwischen in großen Mengen. Auf diesem Weg entstand beispielsweise das Anticalin PRS-050, das den Botenstoff VEGF von Krebszellen einfängt. Diese Substanz sondert jede bösartige Geschwulst ab einer Größe von einem halben Zentimeter ab. Sie sorgt dafür, dass der Krebs mit Blut versorgt wird. An Mäusen konnte Pieris nachweisen, dass sein Anticalin VEGF abfängt und Krebsgeschwüre so am Wachstum hindert. Farbstoffe im Blut zeigten an, dass Tumore keine Gefäße mehr bildeten. Nach dem Absetzen der Arznei dehnte sich der Krebs indes weiter aus.

Ob das Produkt auch bei Menschen die erhoffte Wirkung zeigt, ist allerdings noch unsicher. Die Forscher selbst sehen ihren Ansatz den derzeitigen Mitteln gegenüber als überlegen an. Und auch Investoren versprechen sich inzwischen viel von von den Ergebnissen aus Freising. Erst vor wenigen Wochen konnte Pieris 25 Mill. Euro an Risikokapital vom US-Investor Orbimed Advisor und vom dänischen Novo Nordisk Healthcare Fund einwerben. Bereits im nächsten Jahr sollen die klinischen Studien mit PRS-050 beginnen.

Der Kelch für VEGF soll auch bei bestimmten Augenkrankheiten helfen, deren Ursache ebenfalls in einem Zuviel an VEGF liegt. Eine Arznei auf Basis der Anticaline soll länger als herkömmliche Mittel wirken. Der Patient bekommt das Medikament nur einmal im Vierteljahr ins Auge gespritzt - beim derzeit üblichen Medikament Lucentis sind es alle vier bis sechs Wochen. Auch dafür konnte Pieris bereits ein Pharmaunternehmen gewinnen. "Die Resonanz in der Branche ist groß", sagt Andreas Hohlbaum, wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens.

Noch befinden sich die Anticaline in einer frühen Entwicklungsphase. Weil die Technik neu ist, zielt Pieris zunächst auf bekannte Zielstrukturen wie VEGF, für die es schon Medikamente am Markt gibt. Unternehmer Skerra hat allerdings schon weitere Ideen: Er will die Kelchfunktion der Anticaline nutzen, um Gifte hineinzulegen - die dann gezielt Tumorzellen bekämpfen sollen.

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