Das gleiche sollen die Anticaline aus Bayern leisten. An einem Lipocalin aus dem Großen Kohlweißling, dem Schmetterling Pieris brassicae, demonstrierte Skerra bereits, dass sich die Kelche von Lipocalinen nach Belieben verformen lassen. "Wir können die Größe, die Gestalt und die Eigenschaften der Bindungstasche nach Maß schneidern", sagt Skerra.
Gentechnisch veränderte "Escherichia coli"-Bakterien produzieren die Proteine inzwischen in großen Mengen. Auf diesem Weg entstand beispielsweise das Anticalin PRS-050, das den Botenstoff VEGF von Krebszellen einfängt. Diese Substanz sondert jede bösartige Geschwulst ab einer Größe von einem halben Zentimeter ab. Sie sorgt dafür, dass der Krebs mit Blut versorgt wird. An Mäusen konnte Pieris nachweisen, dass sein Anticalin VEGF abfängt und Krebsgeschwüre so am Wachstum hindert. Farbstoffe im Blut zeigten an, dass Tumore keine Gefäße mehr bildeten. Nach dem Absetzen der Arznei dehnte sich der Krebs indes weiter aus.
Ob das Produkt auch bei Menschen die erhoffte Wirkung zeigt, ist allerdings noch unsicher. Die Forscher selbst sehen ihren Ansatz den derzeitigen Mitteln gegenüber als überlegen an. Und auch Investoren versprechen sich inzwischen viel von von den Ergebnissen aus Freising. Erst vor wenigen Wochen konnte Pieris 25 Mill. Euro an Risikokapital vom US-Investor Orbimed Advisor und vom dänischen Novo Nordisk Healthcare Fund einwerben. Bereits im nächsten Jahr sollen die klinischen Studien mit PRS-050 beginnen.
Der Kelch für VEGF soll auch bei bestimmten Augenkrankheiten helfen, deren Ursache ebenfalls in einem Zuviel an VEGF liegt. Eine Arznei auf Basis der Anticaline soll länger als herkömmliche Mittel wirken. Der Patient bekommt das Medikament nur einmal im Vierteljahr ins Auge gespritzt - beim derzeit üblichen Medikament Lucentis sind es alle vier bis sechs Wochen. Auch dafür konnte Pieris bereits ein Pharmaunternehmen gewinnen. "Die Resonanz in der Branche ist groß", sagt Andreas Hohlbaum, wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens.
Noch befinden sich die Anticaline in einer frühen Entwicklungsphase. Weil die Technik neu ist, zielt Pieris zunächst auf bekannte Zielstrukturen wie VEGF, für die es schon Medikamente am Markt gibt. Unternehmer Skerra hat allerdings schon weitere Ideen: Er will die Kelchfunktion der Anticaline nutzen, um Gifte hineinzulegen - die dann gezielt Tumorzellen bekämpfen sollen.
