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27.12.2006 
Reproduktionsmedizin

Wunschbabys aus Madrid

von Stefanie Müller

Mit einem konsequenten Kurs in Richtung modernster Reproduktionsmedizin hat sich Spanien einen Ruf als Land der Baby-Möglichkeiten erarbeitet. Ein neuer Gesetzesentwurf zur Biomedizin eröffnet weitere Geschäftsfelder. Ab 2007 wird in Spanien auch das therapeutische Klonen von Mutterstammzellen möglich sein.

Zunehmend wenden sich auch ausländische Paare an spanische Kliniken, um dort ihren Kinderwunsch zu erfüllen.Lupe

Zunehmend wenden sich auch ausländische Paare an spanische Kliniken, um dort ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

MADRID. Bunte Bilder mit schwangeren Frauen hängen hier überall an den Wänden – Zeichnungen und Fotos. Männer und Frauen mit grünen Plastikkappen laufen durch die Gänge. Im durchgestylten Warteraum sitzen Frauen, nicht mehr ganz jung, und blättern emsig in den zahlreichen Broschüren zur künstlichen Befruchtung und zum Einfrieren der Nabelschnur. Wer die FIV-Klinik in Madrid betritt, merkt schnell, worum es hier geht: Um die Erfüllung eines Kinderwunsches um jeden Preis. Routiniert zeigen die Verantwortlichen den Interessentinnen die Räume, in denen künstlich befruchtet wird. Hier werden die Embryos, wenn sie nicht sofort gebraucht werden, auch eingefroren. Ein Gefühl von kühler Science Fiction überkommt den Besucher.

Mit einem konsequenten Kurs in Richtung modernster Reproduktionsmedizin hat sich Spanien einen Ruf als Land der Baby-Möglichkeiten erarbeitet. Ein neuer Gesetzesentwurf zur Biomedizin eröffnet weitere Geschäftsfelder. Ab 2007 wird in Spanien auch das therapeutische Klonen von Mutterstammzellen möglich sein. Die sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero will mit diesem Gesetz erreichen, dass Spanien, das sonst in wenigen Bereichen weltweit führend ist, künftig mit seinem Wissen international punkten kann. Zu diesem Zweck wurde in diesem Jahr auch der Biomedizin-Park Parque de Investigación Biomédica in Barcelona mit einer Investition von 110 Mill. Euro eröffnet.

In Barcelona befindet sich bereits heute eine der renommiertesten spanischen Kliniken für künstliche Befruchtung – das Institut Marquès. Es residiert in einem historischen Gebäude, aber auch hier regiert absoluter Zukunftsglaube. Vor rund elf Monaten wurde ein 13 Jahre eingefrorener Spenderembryo erfolgreich in die Gebärmutter einer 41-jährigen Spanierin eingepflanzt. Das Kind kam vor wenigen Wochen zur Welt.

Nicht erst dieser für viele Kirchenvertreter im Lande zweifelhafte Rekord hat Spanien zu einem der fortschrittlichsten Länder in Sachen Reproduktionsmedizin gemacht. Das Institut Marquès ist weltweit Pionier bei der genetischen Vorauswahl bei Spermien. „Normalerweise wird das nur bei Eizellen praktiziert“, sagt Raúl Olivares Vela, Verantwortlicher für das international angelegte Programm des Instituts Marquès. Olivares Vela sieht kaum noch Unterschiede zum Stand der Reproduktionsmedizin in den USA: „Wir dürfen hier fast alles machen, was dort möglich ist – abgesehen vom Engagieren von Leihmüttern oder der Nutzung eines künstlichen Uterus.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein moralisches Limit für den Kinderwunsch setzen die Spanier nur beim Alter.

„Zwar ist Spanien immer noch sehr traditionell und religiös geprägt, dennoch verfügt es seit Jahren über einer der liberalsten Biomedizingesetze“, sagt die Italienerin Elisabetta Ricciarelli, Chefin der Reproduktionsklinik FIV in Madrid. Das habe dazu geführt, dass es inzwischen einige hundert auf künstliche Fortpflanzung spezialisierte Kliniken gibt, die meisten davon in Madrid, Barcelona und Valencia. In Spanien dürfen inzwischen Embryonen eingefroren und Eizellen gespendet werden. Auch alleinstehende Frauen können sich künstlich befruchten lassen, bis zu sieben Eizellen dürfen für die Entwicklung eines Embryo verwendet, drei Embryos können in die Gebärmutter eingepflanzt werden.

Seit vergangenem Jahr wird auch die Adoption von Embryonen in spanischen Kliniken praktiziert. 200 Paare haben sich bisher dafür interessiert, die Hälfte davon sind Ausländer, vor allem Deutsche und Briten. Mehr als dreißig Frauen sind in Spanien inzwischen auf diese Weise erfolgreich schwanger geworden. Allerdings ist dieser Weg zum Kinderwunsch nicht billig: Der Transfer gespendeter Embryonen in die Gebärmutter kostet beim Institut Marquès unabhängig vom Erfolg 10 000 Euro.

Ein moralisches Limit für den Kinderwunsch setzen die Spanier nur beim Alter. Frauen über 50 Jahre werden in den meisten Kliniken nicht mehr behandelt. Der Großteil der Patientinnen ist um die 40 Jahre alt, immer mehr kommen aus dem Ausland. Die meisten lassen sich zwei Embryos einpflanzen.

Ob sich die Reise lohnt, entscheiden die Paare wohl auch mit Blick auf die EU-Statistik der Reproduktionsmedizinischen Gesellschaften: Danach liegt die Schwangerschaftsrate nach einer Befruchtung außerhalb des Körpers (In-vitro-Fertilisation) in Deutschland bei knapp 28,9 Prozent, in Spanien aber bei 34,8.

Nicht nur die liberale Gesetzgebung und der Stand der Technik haben Spanien in Sachen künstlicher Fortpflanzung nach vorne gebracht. Auch die Spanierinnen, die ihren Lebensstil drastisch geändert haben, verleihen der Entwicklung Schub: „Heutzutage will hier doch kaum jemand unter 35 Jahren Kinder haben“, sagt Ricciarelli. Deswegen gehört die Geburtenrate des früher kinderreichen Landes inzwischen zu den niedrigsten der Welt.

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