„Nichtstun beim Klimaschutz wird richtig teuer!“ Diese Erkenntnis gewinnt nun auch die deutsche Finanzwelt, die vor vielen Herausforderungen steht: Sie muss ihre CO2-Emissionen minimieren, nicht nur als Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch um Vorbild für ihre Kunden zu sein.
Es sind ein besseres Risikomanagement erforderlich sowie Produktinnovationen, um Verbrauchern und Unternehmen den Klimaschutz zu erleichtern, was zugleich Geschäftschancen bietet. Nicht zuletzt ist das Doppelrisiko als Finanzdienstleister und institutioneller Anleger zu managen.
Deutsche Großbanken gehen - trotz drohender Milliardenschäden infolge des Klimawandels – diese Herausforderungen überwiegend noch nicht systematisch an. „Deutsche Finanzmarktakteure stehen den Risiken noch eher nachlässig und unbedarft gegenüber“, kritisiert Professor Carlo Jäger vom „Potsdam Institut für Klimafolgenforschung“ (PIK). Das Thema sei zwar inzwischen erkannt. „Doch bis zu inhaltlich fundierten Strategien ist es noch ein weiter Weg. Es gibt ein gefährliches Missverhältnis zwischen galoppierender Rhetorik, wie wichtig Klimaschutz sei, und der tatsächlichen Praxis.“
Betriebsökologie hat Vorbildfunktion: Aber es gibt einige Vorreiter. Die BayernLB wird dieses Jahr zu immerhin 60 Prozent klimaneutral arbeiten, sagt Wolfgang Kugler, Umweltreferent der Bayerischen Landesbank. Sie werde nur noch Strom aus zertifizierter Wasserkraft beziehen und wie schon vergangenes Jahr die mit dem Papierverbrauch verbundenen Emissionen durch Ankauf und Stilllegung von Zertifikaten für Klimaschutzprojekte „kompensieren“.
Klimaneutralität bedeutet, erstens den direkten und indirekten Energieverbrauch alle Aktivitäten drastisch zu senken, zweitens Strom-, Heiz- und Kühlenergie aus Erneuerbaren Energiequellen (EE) zu beziehen und drittens, nur die nicht vermeidbaren klimaschädlichen Emissionen von Kohlendioxid (CO²) durch Investitionen in Klimaprojekte zu „neutralisieren“.
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erreichte als erstes deutsches Institut nach eigenen Angaben bereits 2006 volle Klimaneutralität. Andere deutsche Finanzdienstleister folgen schrittweise ausländischen Vorbildern, die umfassende Klimastrategien entwickelten. Die britische HSBC kündigte 2005 als erstes großes Finanzinstitut der Welt an, klimaneutral zu wirtschaften und hat das vergangenes Jahr auch realisiert. Die Bank Credit Suisse und die Rückversicherung Swiss Re schrieben sich ebenfalls volle Klimaneutralität auf die Fahnen, um ihren Kunden ein Vorbild zu sein.
Andere Banken investieren, wie die Kreissparkasse Köln, in energiesparende Heizanlagen und Photovoltaikanlagen, haben jedoch kein CO²-Reduktionsziel. Auch die Deutsche Bank hat inzwischen eine systematische Klimastrategie und beginnt, unvermeidbare Emissionen zu neutralisieren, wie Ute Sudmann sagt, Projektmanagerin Nachhaltigkeit der Deutschen Bank. Das Institut unterstützt finanziell zwei Weltbankfonds und Initiativen zur Neutralisierung von CO²-Emissionen. Seit einem Jahr bezieht es ein Fünftel seines Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien (EE) und finanziert Projekte zur Förderung solcher Energieträger. Eine Energiesparkampagne rüttelte Mitarbeiter wach: strenge Energieeffizienzkriterien sind wesentliches Einkaufskriterium, Mitarbeiter sind verpflichtet, Telefon- und Videokonferenzen zu organisieren statt zu reisen, die Bank finanziert Jobtickets und Bahncards und veranstaltet einige Tagungen klimaneutral. Überdies beteiligt sie sich an Initiativen, um das öffentlichen Bewusstsein für die Klimaproblematik zu steigern.
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Die Finanzinstitute müssen sich engagieren, um den Kunden ein Vorbild zu sein. Nur dann können sie von ihnen aktiven Klimaschutz verlangen und so ihrer Verantwortung gerecht werden. Dieses Resümee zog Ende November in Berlin der Klimaschutz-Roundtable des Vereins für Umweltmanagement in Banken, Sparkassen und Versicherungen (VfU) und der Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP FI).
Macht der Kreditgeber: Die Financiers der Wirtschaft müssten auch ihre Produkte verstärkt entsprechend ausrichten, hieß es dort. Wie groß ihre Hebelwirkung sein kann, verdeutlichte Carsten Schirmeisen, Risikomanager der niederländischen ABN Amro. „Nach Basel II können wir 12 Mal so viel verleihen, wie wir zurücklegen müssen, das heißt wir können 12 Mal so viel Einfluss nehmen!“ Daran orientiere die ABN Amro ihre Kreditpolitik und sei hierbei weiter als mancher Wettbewerber. Andererseits reiche die von ihr geplante 10-prozentige Senkung der CO²-Emissionen nicht aus, räumte Schirmeisen ein.
Bisher konzentrieren die Banken ihre Produktinnovationen jedoch auf die Finanzierung Erneuerbarer Energien und entsprechende Anlageprodukte. Die Chancen des Klimawandels nutzt zum Beispiel die BayernLB unter anderem mit der Finanzierung der weltgrößten Photovoltaik-Anlage ihrer Art. Die Bremer Landesbank ist einer der großen Projektfinanzierer für Windenergie. Und immer mehr Finanzinstitute berücksichtigen bei Investmentprodukten und Vermögensverwaltung Klimaaspekte und legen gerade in den vergangenen Monaten massenhaft Fonds und Zertifikate zu Erneuerbaren Energien auf.
Es fehlen jedoch günstigere Kreditkonditionen für nach ökologischen Maßstäben errichtete Gebäude oder besonders umweltfreundliche Produktionsanlagen. Zu prüfen und quantifizieren sind zudem potentielle Kosten des CO2-Emissionshandels sowie Risiken und Chancen von Branchen und Produktentwicklungen. „Noch steckt die Branche hier in den Anfängen“, meint Armin Sandhövel, Umweltmanager der Dresdner Bank.
Im Ausland tut sich aber was. Die belgisch-französische Dexia gibt immerhin zehn Prozent günstigere Kredite für alle Fahrzeuge mit CO2-Emissionen unter 115 Gramm pro Kilometer. Die Citigroup, weltweit größte Bankengruppe, schlägt diesen Weg ein. Sie will in den nächsten zehn Jahr 50 Mrd. Dollar in den Klimaschutz investieren, wie sie kürzlich ankündigte. Damit will sie nicht nur die eigenen Treibhausgase bis 2011 um zehn Prozent verringern, sondern verstärkt die Kommerzialisierung und Verbreitung alternativer Energien und saubere Technologien bei ihren Kunden, sich selbst und anderen Märkten finanzieren und beratend unterstützen.
Einen innovativen Weg geht die niederländische Rabobank: Sie will ihre 2,5 Millionen Privatkunden aufrütteln und bietet ihnen seit März 2007 ein „Klimakonto“. Über Check- und Kreditkarte werden die CO²-Emissionen ihrer Einkäufe berechnet und von der Bank durch Finanzierung von Klimaschutzprojekten kompensiert, erläutert Ingo Puhl, Geschäftsführer von 500ppm. Er hat das Konzept inhaltlich und technisch für die britische Ice Organisation entwickelt. Die Verhandlungen mit drei ausländischen Banken seien bereits fortgeschritten, sagt Puhl. Die Bank koste das ähnlich wie Miles & More-Karten weniger als ein Prozent des Umsatzes. Die Kontoauszüge informieren über die Klimapunkte, deren Neutralisierung und geben kundenspezifische, klimafreundliche Verhaltens- und Produkttipps.
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Zu den Innovatoren in der Bankenwelt gehörte auch Allianz-Tochter Dresdner Bank gehört zu den Innovatoren des Emissionshandels – lange bevor es den EU-Zertifikatehandel für CO2-Emissionen gab. Ein Pilotprojekt verschaffte ihr frühzeitig Erfahrung und hoch qualifizierte Projekte, die schließlich zertifiziert wurden und Gewinn brachten. Die Klimagruppe der Allianz beschloss kürzlich eine konzernweite Klimastrategie mit 17 Zielen und 80 konkreten Vorhaben für alle Geschäftsbereiche, wie Nachhaltigkeitsmanager Armin Sandhövel berichtet. Finanzierungs- und Versicherungsaktivitäten und Produkte werden integriert und aufeinander abgestimmt. Der Konzern bildete die Klimagruppe 2005, als ihm durch eine Studie mit dem World Wide Fund for Nature (WWF) die Klimarisiken erst richtig klar wurden.
Institutionelle Investoren wollen Risiken senken: Darum beteiligt sich Allianz Global Investors auch am Carbon Disclosure Project (CDP). In ihm sind 280 institutionelle Investoren vereint, die ein Vermögen von sage und schreibe 40 Billionen Euro verwalten und die 2400 weltgrößten Konzerne auffordern, Emissionen offen zu legen und Klimastrategien zu entwickeln. Diese Investoren wollen dadurch Erkenntnisse gewinnen, um Anlagerisiken und Chancen besser einschätzen zu können.
Viele Banken und auch die BayernLB handeln inzwischen, „weil in entsprechenden Projekten sehr viel Geld gesammelt wurde, das jetzt investiert wird“, erläutert Kugler unter Hinweis auf das „Carbon Disclosure Project“ und die „Enhanced Analytics Initiative“ (EAI). In der EAI sind Vermögensverwalter und Institutionelle Anleger mit einem Anlagevolumen von 1,85 Billionen Euro vereint. Sie vergeben fünf Prozent mehr Aufträge an Broker, die nachhaltige Aspekte wie den Klimaschutz analysieren. Ihrer Ansicht nach greift die traditionelle Finanzanalyse zu kurz und kann nicht alle Risiken und Chancen aufdecken. Auch konventionelle Ratingagenturen wie Standard & Poor’s oder Moody’s analysieren inzwischen Klimarisiken.
Unternehmen ohne Klimastrategien werden Ertragseinbußen haben, warnen Experten. Bei Autohersteller betragen die Ertragseinbußen teils 15 – 30 Prozent, wenn sie keine „Klima-Compliance“ erreichen, ergab eine Studie der WestLB. Allianz Global Investores und HypoVereinsbank prüfen zur Zeit, wie sie Klimarisiken in die Finanzanalyse integrieren können,um Anlagerisiken zu senken und Investmentchancen zu nutzen. Bei der Münchener Rück sind Klimaschutzaktivitäten bereits bei der Prüfung neuer Beteiligungen als zusätzliches Anlagekriterium zu den traditionellen hinzugekommen. Das CDP liefere dafür wichtige Informationen, heißt es. Auch beim Durchleuchten bestehender Beteiligungen spiele Klimaschutz eine Rolle. Das Institut, das seit 30 Jahren zu Georisiken wie dem Klimawandel forscht, bringt ihr Wissen seit diesem Jahr über die Finanzierung eines UN-Lehrstuhls in Bonn in die Lehre ein.
International widmet sich seit fünf Jahren die Arbeitsgruppe Klimawandel (CCWG) der UNEP FI dem Kampf gegen den Klimawandel. Sie berät die Finanzbranche bei der Entwicklung klimabezogener Produkte und Dienste. Von Regierungen fordert sie langfristige Reduktionsziele für Treibhausgase, die Fortführung und effiziente Gestaltung der Kyoto-Mechanismen nach 2012 sowie klare Ziele und systematische Förderung für Erneuerbare Energien. Finanzinstituten in Entwicklungsländern bietet sie Lernprogramme zu Risiken und Chancen, mit deren Hilfe das höhere und mittlere Management diese Aspekte in die Firmenstrategie integrieren kann.
