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15.06.2007 
Nachhaltigkeit

Der lange Weg aus der Nische

von Susanne Bergius

Die Kritik an den Arbeitsbedingungen hat dem weltgrößten Einzelhändler Wal-Mart an den Finanzmärkten Probleme eingebracht. Denn Investoren achten verstärkt auf soziale Kriterien. Das Thema Nachhaltigkeit, das Wirtschaften in Einklang mit Mensch und Natur, hat die Müsli-Ecke endgültig verlassen und erobert den Mainstream – ein rasant wachsender Markt.

Gewerkschafter und Umweltschützer prangern bei Wal-Mart schlechte Arbeitsbedingungen und mangelndes Ökobewusstsein an. Foto: APLupe

Gewerkschafter und Umweltschützer prangern bei Wal-Mart schlechte Arbeitsbedingungen und mangelndes Ökobewusstsein an. Foto: AP

BERLIN. Dem Wal-Mart-Einkaufscenter schenkte Ralf Frank lange Zeit kaum Beachtung, wenn er auf dem Weg zur Arbeit ins südlich von Frankfurt gelegene Dreieich daran vorbeifuhr. Schließlich ist der Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management GmbH (DVFA) nicht der typische Kunde des Discounters. Dass der weltgrößte Einzelhändler in der Kritik von Gewerkschaftern und Umweltschützern steht, die schlechte Arbeitsbedingungen und mangelndes Ökobewusstsein anprangern, kam ihm nicht in den Sinn. Nun allerdings hält ihn das Thema Nachhaltigkeit auf Trab.

Denn Vorstände und Investor-Relations-Leute verschiedener Branchen bestürmen ihn seit Monaten, um Kennzahlen für „Corporate Social Responsibility“ (CSR) zu erhalten, Noten für gelebte öko-soziale Verantwortung eines Unternehmens also. Damit rückt Nachhaltigkeit heraus aus der Müsli-Nische und erobert den Mainstream; denn die DVFA ist der Branchenverband der Investmentprofis in Deutschland. Seit Januar erarbeitet die DVFA nun Leistungsindikatoren für Nachhaltigkeit. Konkret macht das ein Team von Experten aus Unternehmen, Banken, Versicherern, Wirtschaftsprüfern, Forschern, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Die Indikatoren (KPI) sollen im Sommer vorliegen. „Kein bedeutendes Unternehmen kann sich mehr leisten, Nachhaltigkeit, Corporate Social Responsibility und Corporate Governance zu vernachlässigen“, sagt Frank.

Anfang der 90er-Jahre beschäftigten sich fast nur Weltverbesserer wie Robert Haßler damit, ob Unternehmen auf Kinderarbeit verzichten, annehmbare Arbeitsbedingungen bieten und sauber produzieren. Haßler ist Chef der Oekom Research AG in München, der in Deutschland führenden unabhängigen Ratingagentur für Nachhaltigkeit. Dem groß gewachsenen Mann mit dem strahlenden Lächeln wurde im Studium plötzlich klar, dass er sich als Betriebswirt für Umweltschutz engagieren wollte. Er hatte Glück, kam nach dem Diplom zum Ökom-Verlag und entwickelte dort ein Umweltrating für Unternehmen. 1999 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit, brauchte aber starkes Durchhaltevermögen, denn CSR war noch nicht „in“ – heute jedoch beruhen auf den Beurteilungen seiner 17 Analysten 4,5 Milliarden Euro an Geldanlagen.

Haßlers Büro ist klein, statt der Ledercouch dominieren es zwei riesige Pflanzen; unter die große Birkensperrholzplatte des Schreibtisches hat er die Ikea-Beine selbst angeschraubt. Der gesellige und manchmal impulsive Selfmademan hat große Pläne für die noch neue Konsolidierungsphase in der jungen Branche, in der es gut 70 Research-Dienstleister gibt: „Wir wollen eine der international dominanten Ratinggesellschaften für Nachhaltigkeit sein.“ Er hat schon große Kunden aus Österreich, Frankreich und Japan. Oekom bewertet ökologische und soziale Leistungen von Unternehmen, die Finanzanalyse machen die Kunden selbst.

Ganz anders ist das Konzept des ebenfalls Ende der 90er-Jahre von Reto Ringger ins Leben gerufenen Dow Jones Sustainability Index (DJSI). Ringger beurteilt zusätzlich wirtschaftliche Leistungen und somit den Dreiklang der Nachhaltigkeit: Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Im Gegensatz zum älteren Natur-Aktien-Index (NAI), den Ökovorreiter und Securvita-Chef Thomas Martens seit 1997 anbietet, schließt der DJSI keine Branchen aus und hat kaum K.o.-Kriterien. „Wir wollen den Mainstream der Investoren erreichen“, sagt Ringger mit unverkennbarem Schweizer Akzent. Was vor Jahren unmöglich schien, hat er nun erreicht – der DJSI ist in der Finanzbranche bekannt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Ausland haben große Investoren schon lange umgeschaltet.

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